Dritte Auffrischungsimpfung gilt als fragwürdigWHO wirft Impfstoff-Herstellern Gier vor

Die WHO wirft führenden Impfherstellern gierige Geschäftsmethoden vor. Sie seien mehr daran interessiert, noch mehr Impfstoffe an reiche Länder zu verkaufen, statt armen Ländern im Kampf gegen Covid zu helfen. Überhaupt zweifelt die WHO den Nutzen einer Drittimpfung an.
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Derzeit beanspruchen die reichen Länder praktisch alle Impfstoffe für sich.
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WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus kritisiert das.
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Tedros kritisiert die Pharmamultis Pfizer und Moderna, Drittimpfungen in reichen westlichen Ländern anzustreben.
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Stattdessen sollen auch ärmere Länder Zugriff auf dringend benötigte Impfstoffe erhalten.
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Soumya Swaminathan, leitende Wissenschaftlerin der WHO, sieht noch gar keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Auffrischungsimpfungen notwendig sind.
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Die WHO, so Swaminathan, werde Empfehlungen zu Auffrischungsimpfungen nur «basierend auf der Wissenschaft und den Daten geben, und nicht auf der Erklärung einzelner Firmen».
Michael Ryan, Leiter des WHO-Notfallprogramms, appelliert an das ethische Pflichtgefühl der Pharmakonzerne – sonst «werden wir mit Zorn und mit Scham zurückblicken».

Der US-Pharmakonzern Pfizer hat am Montag eine Genehmigung für dritten Dosen seines Covid-19-Impfstoffs beantragt. Das erntete scharfe Kritik von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Deren Vorsitzender Tedros Adhanom Ghebreyesus (56) warf dem Pharmamulti Gier vor. Impfstoff-Hersteller sollten weniger wohlhabende Länder bevorzugen, statt fragwürdige Auffrischungsimpfungen in reichen, bereits gut durchgeimpften Ländern anzustreben.

Auch in den USA steigen Covid-Fälle wieder an. Das veranlasste Pfizer Entwicklungspartner Biontech, eine Bundesgenehmigung für dritte Auffrischungsimpfungen zu beantragen – zu überstürzt, wie schon deutsche Forscher befanden. Solange es keine belastbaren wissenschaftliche Studien gebe, sei es völlig offen, ob man im Herbst nochmals Millionen von Menschen impfen müsse, sagt Hajo Zeeb vom Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie dem «Spiegel».

Gleiche Kritik äussert jetzt die WHO. Eine Impfauffrischung mache aus zwei Gründen wenig Sinn, so WHO-Generaldirektor Tedros: Erstens solle sich Pfizer statt mehr Geschäften in Industrieländern darauf konzentrieren, den Zugang zu Impfstoffen auf der ganzen Welt zu verbessern. Zweitens zweifelt die WHO den Nutzen einer dritten Impfauffrischung an.

WHO zweifelt Notwendigkeit von Drittimpfung an

«Wir treffen im Moment eine bewusste Entscheidung, die Bedürftigen nicht zu schützen��, zitiert die «Guardian» den WHO-Chef. Tedros sprach dazu von «Gier», die groteske Ungleichheiten bei den Impfstoffen antreibe.

Menschen, die noch keine einzige Dosis erhalten hätten, sollen Vorrang für eine Impfung erhalten, verlangt er. Die führenden Impfstoffanbieter Pfizer und Moderna forderte Tedros auf, «alles zu tun, um Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu versorgen». Die Zahl der Covid-Patienten beginne wieder zu steigen und die Delta-Variante «löst katastrophale Wellen von Fällen aus».

Denn auch die WHO geht davon aus, dass dritte Auffrischimpfungen gar nicht nötig sind. Laut Soumya Swaminathan, der leitende WHO-Wissenschaftlerin, «gibt es zu diesem Zeitpunkt keine wissenschaftlichen Beweise, die nahelegen, dass Auffrischungsimpfungen definitiv notwendig sind».

«Blick zurück mit Zorn und Scham»

Swaminathan sagte, die WHO werde Empfehlungen zu Auffrischungsimpfungen nur «basierend auf der Wissenschaft und den Daten geben, und nicht auf der Erklärung einzelner Firmen, dass die Impfstoffe jetzt als Auffrischungsdosis verabreicht werden sollten».

Michael Ryan, Leiter des WHO-Notfallprogramms, appellierte dabei an die ethische Verpflichtung von reichen Ländern: Wenn sich diese entscheiden würden, Auffrischungsimpfungen zu verabreichen, statt sie Entwicklungsländern zu geben, «werden wir mit Zorn und mit Scham zurückblicken». (kes)