«Pass auf, dass du keine Algen ansetzt!» Die Kommentare im Freundeskreis zu unserer Wandertour im Südwesten Englands waren durchweg sarkastisch. Darum möchte ich all den Hobby-Meterologen und Schwarzmalern unter meinen Kollegen das Lästermaul stopfen – mit Sonnenschein und süsser Sahne!

Zugegeben: England hat ein Regen-Schmuddelwetter-Image. Aber Cornwall, Englands südlichste Grafschaft, ist eine Ausnahme. Hier glüht die Sonne 1600 Stunden im Jahr, und der Golfstrom schenkt dem Land mollige Wärme. An unserem Weg stehen Palmen, Lavendel und sonstige Südgewächse. Was will man mehr?

Wie ein Filmset

Unterwegs sind wir auf dem Königinnenweg der englischen Wanderpfade: dem South West Coast Path (SWCP), der sich über 1000 Kilometer einmal um die gesamte Küste des südlichsten Aussenpostens des Vereinigten Königreichs zieht.

Wir starten im verschlafenen Fischerdorf Mevagissey an der kornischen Ostküste, das direkt aus einer Postkarte gepurzelt zu sein scheint. Oder aus einem Rosamunde-Pilcher-Film – wie alle Dörfchen, an denen wir vorbeikommen. Die kitschig-schönen Schinken werden hier in der Region gedreht. Der Ort ist typisch: weissgetünchte Backsteinhäuser, wohnzimmeratige Pubs, rosa Teestuben, in denen Miss-Marple-Kopien bonbonfarbige Torten kredenzen und jeden Satz mit «My Luv», «Mein Schätzchen», beenden.

In dem kleinen Hafen mit einer hohen Kaimauer, auf der ein Mini-Leuchtturm blinkt, fläzen bunte Fischerboote im Meeresschlamm – bei Ebbe verschwindet das Meer völlig. Zeit für Ben, den Fischer, seinen fangfrischen Kabeljau zu zerlegen. Paniert und frittiert wird daraus später der englische Fastfood-Hit «Fish`n`Chips». Abends in einer Fischerkneipe füllt diese Fettbombe unsere Energiereserven. Dazu passt – klar! – ein lokales Bier. Die Standardgrösse ist ein Pint, etwa 600ml. Klingt nach vielen Kalorien? Stimmt, aber diese schmelzen wieder beim Marsch entlang der Küste.

Immer der Küste entlang

Der schmale Trampelpfad am Grenzsaum zwischen Land und Meer ist anstrengender, als gedacht. Rauf, runter, rauf folgt der SWCP jeder Windung der brüchigen Küstenlinie. Die Landschaft ist dramatisch und besinnlich zugleich. Rechts fallen steilen Klippen ins Meer, links plätschern sanfte Wiesen dahin. Ausser Kühen und Schafen begegnet uns kilometerweit niemand, denn Ortschaften gibt es entlang der zerfransten Küste nur wenige.

Auf dem Handy prangt dankenswerterweise «Kein Netz.» Hier geniesst man das Einssein mit der Natur. Was die Seele in Relax-Modus versetzt, ist bisweilen eine Herausforderung für den Magen. Nach zwölf Kilometern Marsch bis zum Zmittag in friedlicher Einsamkeit freut sich der Bauch auf ein Pub. «Hinter dem nächsten Hügel kommt das Dorf bestimmt», trösten wir uns. Fehlanzeige. Auf unserer Karte haben wir den Überblick über die vielen Buchten verloren. Broad Cove, Penslake Cove, Colors Cove – keine Ahnung. Erst zwei ältere Damen im Sonntagsgewand, die aus dem Nichts auftauchen, ermutigen uns: «It’s not far, luvy» – nicht mehr weit, Schätzchen.

Schmugglerhochburg

So friedlich ging es hier allerdings nicht immer zu. Vor etwa 200 Jahren war Cornwall eine Hochburg für Schmuggler und sonstige Strolche. Im fernen London erhob man drakonische Steuern auf Salz, Tee und Brandy – das konnten sich die keltischstämmigen Cornishmen nicht gefallen lassen. Kurzerhand bauten sie ein florierendes Schmugglerbusiness mit den Franzosen auf. Die versteckten Buchten waren ideal für verbotene Machenschaften. Noch heute sieht man in den Fels gehauene Gänge und Häuser mit geheimen Kammern. Um dem illegalen Treiben ein Ende zu bereiten, patrouillierte die Küstenwache des Königs entlang der Küste: Ihre Pfade sind die Grundlage des heutigen Wanderweges.

Ein Nachfahre der Küstenwächter von einst ist Rich, der beim Dörfchen Charlestown von seinem Ausguck das Meer beobachtet. Mit Radar, iPad und Feldstecher sucht der Volontär heute allerdings nicht mehr nach Schmugglern, sondern nach unvorsichtigen Touristen. «Meistens retten wir Besucher, die durch die Flut auf einer vorgelagerten Insel abgeschnitten sind.»

Touristen hat es in der Hochsaison viele: Cornwall ist die beliebteste Sommerdestination der Briten, die hier vor allem Beach-Spass suchen. Wir suchen in Cornwall, wie die meisten Besucher vom Kontinent, Idylle und den geruhsamen British Way of Life – Sehenswürdigkeiten à la Stonehenge, Windsor Castle oder Big Ben gibt es hier nicht. Und natürlich suchen wir auch den «Cream Tea» – Englands Kalorien-Antwort auf den derzeitigen Schlankheitswahn.

Zu einen Pot Schwarztee gibt es zwei Scones (Rosinenweggli) mit je einem Topf Erdbeermarmelade und Buttercreme. Die Kombination ist eine Todsünde, der Geschmack aber himmlisch. Und England wäre nicht England, wenn es nicht auch bei einem «Cream Tea» unerschütterliche Traditionen gebe: In Cornwall kommt auf das Scone zuerst die Marmelade und dann ein Haufen Buttercreme. Daran gibt es nichts zu rütteln. Oder doch? Ein paar Kilometer entfernt in Devon ist es genau umgekehrt.

Wir jedenfalls haben uns bei der Wanderung von Mevagissey nach Portwrinkle regelmässig mit der süssen Verführung gedopt – körperlich und seelisch. Das Wandern ist hier eben doch ein Sahneschlecken.