von Frank A. Meyer
Publizist

Verglichen mit den letzten Europawahlen fiel die CDU/CSU von rund 35 Prozent auf rund 28 Prozent zurück, ihr Koalitionspartner SPD von rund 27 Prozent auf rund 15 Prozent.

Diese Zahlen illustrieren kalt und klar das aktuelle Desaster der deutschen Regierung.

Und was bewegt die deutschen Medien?

Es wird geschwatzt über den jungen Webvideo-Produzenten Rezo, einen Social-Media-Rebell, der mit seinem You­tube-Auftritt die CDU/CSU zerstören wollte. Es wird geschwärmt von der Greta-Thunberg-Bewegung Fridays for Future, die zur Rettung des Weltklimas Panik säen möchte. Es wird gelästert über die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, die sich mit einer Äusserung zur Reg­lementierung von digitalen Wahlkampagnen verstolperte. Es wird gehöhnt über die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, die mit vorgezogenen Wahlen ihr Amt als Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag und ihre Macht über die Partei sichern möchte.

Ja, in den deutschen Medien ist dieser Tage allerhand los.

Kein Begriff, kein Name wird ausgespart, der die Leser- und User-Seelen aufzuwühlen verspricht.

Oder doch?

Ein Begriff, ein Name fällt nicht in diesem medialen Getümmel um die Europawahlen: Angela Merkel, die Chefin der Regierung, kommt in der aufgeregten Debatte nicht vor. Die Inhaberin der
politischen Richtlinienkompetenz ist kein Thema.

Zwar lächelt sie selbstzufrieden über sämtliche Medienkanäle aus dem amerikanischen Harvard herüber. Die Elite-Universität hat sie mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.

Die geografische Distanz entspricht der medialen Ferne: Kein Blatt, kein Sender, keine Plattform zieht die Verliererin dieser Wahlen – die Verantwortliche für das katastrophale Resultat – zur Verantwortung.

Man stelle sich die Regierung einer wachen Demokratie nach einer solchen Niederlage vor: Sie würde von den Journalisten der demokratischen Medien in Haftung genommen, auf die Bühne gezerrt, ätzenden Fragen ausgesetzt, schonungsloser Kritik unterzogen – dekon­struiert!

Die Chefin oder der Chef einer solchen Regierung hätte den Wählern – vermittelt durch unbestechliche Journalisten – Tag und Nacht Red und Antwort zu ­stehen. Wahltag ist Zahltag. In der Demokratie.
Im demokratischen Deutschland mit dem modernsten
freiheitlichen Grundgesetz der Welt jedoch machen die Journalisten einen ehrfürchtigen Bogen um die Bundeskanzlerin – und wenn sie sich ihr doch mal nähern, dann ­unter Bücklingen und nur,
um sich so rasch wie möglich ­dienerhaft rückwärts zu ­entfernen.

In der deutschen Demokratie ist alles zulässig, nur nicht Kritik an der Frau, die seit 14 Jahren regiert – und nun von ­ihren einstigen Wählern die Quittung für offensichtliche Fehlleistungen erhält: für eine irrlichternde Umweltpolitik, für eine fahrlässig abgetakelte Bundeswehr, für den Verzicht auf eine Europastrategie, für das Verschlafen digitaler
Zukunftspläne – vor allem für das angerichtete Migrationschaos.

Letzteres sollte man sich noch einmal gesondert vor Augen führen: Im Juli 2015, einen Monat vor der mutwilligen Grenzöffnung, standen CDU und CSU in der Wählergunst bei 42 Prozent, die Sozialdemokraten bei 25 Prozent – die rechtspopulistische AfD bei drei Prozent.

Der deutsche Journalismus, einst bewundert als Bollwerk gegen jed­wedes Begehren des Büttels und nie der
Ver­ehrung Mächtiger verdächtig, ist heute das, was man auf Englisch «embedded journalism» nennt – eingebettet in die Riten und Regeln der Regierungsmacht.

Im Bett.