Iraner (26) verletzt 15 Personen verhaftet nach erneuten Protesten in Chemnitz

20:34 | 27.08.2018

Chemnitz (D) -Seit ein 35-Jähriger an einem Stadtfest erstochen wurde, herrscht in der sächsischen Stadt Chemnitz Ausnahmezustand. BLICK hält Sie im Ticker auf dem Laufenden.

Liveticker

Was heute kommuniziert wurde

  • Die Staatsanwaltschaft Chemnitz hat den Haftbefehl gegen den Iraker Yousif A. (22) aufgehoben.
  • Es gab weder Fingerabdrücke von Yousif A. auf der gesicherten Tatwaffe, noch irgendwelche Augenzeugen, die ihn bei der Tat beobachten konnten.
  • Yousif A. bestreitet die Tat. 
  • Die Staatsanwaltschaft gab überraschend bekannt, dass sie davon ausgeht, dass zwei Messer bei der Tat verwendet wurden. Wo dieses Messer ist, ist jedoch unklar.
  • Die Staatsanwaltschaft geht deshalb davon aus, dass der bereits verhaftete Syrer Alaa S. sowie der geflüchtete Iraker Farhad Ramazan Ahmed für die Tat verantwortlich sein sollen.
  • Yousif A. ist bereits auf freiem Fuss. Es gab keine Informationen darüber, wo er sich derzeit befindet.

Das sagt Yousif A.s Anwalt

Der Anwalt Ulrich Dost-Roxin schimpfte in einer Pressemitteilung über «Fake-Beweise»: Der Richter hätte das ihm vorgelegte Material als «Fake-Beweis» erkannt – aber dann «wider besseres Wissen» den Haftbefehl gegen Yousif A. erlassen. 

Weiter erklärt er: «Zeugen konnten ihn auf Lichtbildern nicht identifizieren. Die Polizei fand ein Messer mit Blutanhaftungen der Opfer. Aber Fingerabdrücke meines Mandanten befanden sich daran nicht. Es gab einfach nichts. Die im Haftbefehlsantrag vom Staatsanwalt benannten Beweise waren Fake-Beweise. Sie enthielten alles mögliche, aber eben nicht die geringsten Hinweise auf eine Mittäterschaft.»

Fragen wollte die Staatsanwaltschaft nicht beantworten. In Kürze folgt hier eine Zusammenfassung.

Die Staatsanwaltschaft geht deshalb davon aus, dass der bereits verhaftete Syrer Alaa S. sowie der geflüchtete Farhad Ramazan Ahmed für die Tat verantwortlich sein sollen.

Yousif A. (22) bestreitet die Tat, es gab auch keine Augenzeugen, die sehen konnten, wie er auf den Deutschkubaner eingestochen haben soll. Man habe deshalb den Haftbefehl aufgehoben. 

Die Staatsanwaltschaft erklärt, dass auf dem Tatmesser keine DNA des Irakers Yousif A. (22) aufgefunden wurde. Sie betont aber, dass es wohl ein zweites Messer gegeben haben muss.

Die Staatsanwaltschaft ist nun an die Medien getreten. Sie sagt, dass sie gewisse Details nicht öffentlich machen will, weil nach einem weiteren Tatverdächtigen Farhad Ramazan Ahmed gefahndet werde.

Tatverdächtiger Iraker Yousif A. (22) kommt frei

Der 22-jährige Iraker Yousif A., der seit drei Wochen in Haft sitzt, weil er im Verdacht steht, den Deutschkubaner Daniel H. in Chemnitz getötet zu haben, kommt auf freien Fuss.

Der Grund: Laut dem Anwalt des Irakers, Ulrich Dost-Roxin, gebe es keinerlei Beweise dafür, dass Yousif A. an der Tat beteiligt gewesen sein soll. Das Amtsgericht Chemnitz folgte dem Antrag des Anwalts auf Freilassung, wie er gegenüber «NDR» und der «Süddeutschen Zeitung» bestätigt.

Der Anwalt sagte in seiner Haftbeschwerde, dass die Zeugenaussagen zu unpräzise seien, um Yousif A. als Tatverdächtigen zu behandeln. Zudem gab es auf dem Tatmesser laut Dost-Roxin keine Beweise, die auf Yousif A. zielen würden.

Um 15 Uhr gibt die Staatsanwaltschaft Chemnitz eine Pressekonferenz.(pma)

Bei erneuten Demonstrationen: 15 Verhaftete und Iraner (26) verletzt

Eine mindestens 15-köpfige Gruppe zog nach der Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz am Freitagabend auf die Schlossteichinsel der Stadt, wo sie einen Iraner verletzte und ihn sowie weitere Anwesende fremdenfeindlich beleidigte. Gegen sechs Männer der Gruppe wurde Haftbefehl erlassen. Der 26-jährige Iraner wurde mit einem Gegenstand am Kopf verletzt, er erlitt eine Platzwunde, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte.

Am Freitagabend hatten nach einem Aufruf von Pro Chemnitz rund 3500 Menschen demonstriert. In der Stadt war Ende August ein junger Mann erstochen worden. Die Tatverdächtigen stammen mutmasslich aus Syrien und dem Irak. Das Tötungsdelikt zog zahlreiche Demonstrationen auch rechter Gruppen in der Stadt nach sich, die teilweise in Gewalttätigkeiten mündeten.

Im Anschluss an die Demonstration vom Freitagabend begab sich eine Gruppe von mindestens 15 Menschen auf die Schlossteichinsel in Chemnitz, wie die Polizei am Samstag mitteilte. 



Sie gaben sich als «Bürgerwehr» aus

Die Schlossteichsinsel in Chemnitz. (Screenshot Google Maps)
 
Dort wollten die Männer, die sich als «Bürgerwehr» ausgaben, zunächst von jungen Deutschen, die auf der Insel einen Geburtstag feierten, die Ausweise kontrollieren. Die jungen Leute brachen aufgrund der bedrohlichen Situation die Feier ab und alarmierten die Polizei.

Die «Bürgerwehr»-Gruppe ging daraufhin zu einer weiteren auf der Schlossteichinsel sitzenden Gruppe, die aus sieben Menschen verschiedener Nationalitäten bestand. Dabei fielen zunächst fremdenfeindliche Äusserungen, dann wurde der Iraner angegriffen.
Die Polizei nahm die 15-köpfige Gruppe in Gewahrsam. Neun von ihnen kamen zunächst wieder auf freien Fuss. 

Sechs Tatverdächtige im Alter von 27 bis 33 Jahren wurden auf Antrag der Chemnitzer Staatsanwaltschaft am Samstag am Amtsgericht vorgeführt, wo Haftbefehle erlassen wurden. Diese werden nach Angaben der Staatsanwaltschaft bis Mittwoch aufrechterhalten, bis dahin seien die Hauptverhandlungen gegen sie am Chemnitzer Amtsgericht angedacht. (SDA)




Erneute Demonstrationen in Chemnitz: 3500 gehen am Freitag auf die Strasse

Bei den Protesten am Freitag wurde eine Person verletzt. (Facebook)
 
In Chemnitz sind am Freitagabend erneut tausende Demonstranten auf die Strasse gegangen. Rund 3500 Menschen versammelten sich in der Innenstadt, wie die Polizei mitteilte. Sie folgten einem Protestaufruf der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz.
 
Mehr dazu lesen Sie hier.
 

Erste Verurteilung wegen Hitlergruss in Chemnitz

Nach den rechten Ausschreitungen in Chemnitz ist ein erstes Urteil wegen Zeigens des Hitlergrusses ergangen. Der Angeklagte sei zu einer Haftstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt worden, ausgesetzt für drei Jahre auf Bewährung, sagte ein Sprecher des Chemnitzer Amtsgerichts am Donnerstag. Hinzu komme eine Geldzahlung im Rahmen der Bewährungsaussetzung von 2000 Euro an die Staatskasse.

Der vielfach vorbestrafte Mann hatte bei einer Kundgebung am 1. September den Hitlergruss gezeigt. Zudem hatte er sich einem Polizeibeamten, der seine Identität feststellen wollte, widersetzt.

Einem Schlag habe der Polizist noch ausweichen können, hiess es in der Anklageschrift. Er war daher angeklagt wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und eines tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte mit versuchter Körperverletzung. Es ist der erste von mehreren Fällen, der nach den Ereignissen in Chemnitz im beschleunigten Verfahren entschieden wird.

Nach der Tötung eines Deutschen vor knapp drei Wochen war es in den Tagen danach in der Stadt zu mehreren Aufmärschen rechter Gruppen sowie zu rassistisch motivierten Ausschreitungen gekommen. Wegen der Tat sitzen zwei Asylbewerber in Untersuchungshaft. Nach einem dritten Tatverdächtigen, einem Iraker, wird gefahndet. (SDA)





Besucher des Konzerts gegen Rechts halten eine Schweigeminute für den in Chemnitz getöteten Tischler Daniel H. (†35) ab.   (REUTERS/Hannibal Hanschke)
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Nichts geht mehr: Wegen des grossen Andrangs beim Konzert gegen Rechts ist der öffentliche Verkehr lahmgelegt.   (BLICK)
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Über 20'000 Menschen werden zum «Konzert gegen Rechts» vor der Johanneskirche in Chemnitz (D) am Montagabend erwartet.   (REUTERS/Hannibal Hanschke)
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«Die Kondition wird uns nicht ausgehen, wenn es darum geht, gegen den Rechtsextremen Mob aufzutreten», verspricht Tote-Hosen-Sänger Campino an der Pressekonferenz in der Stadthalle Chemnitz (D).   (REUTERS / HANNIBAL HANSCHKE)
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Grosser Andrang in der Stadthalle in Chemnitz (D): Hier haben die Veranstalter am Montagnachmittag zum «Konzert gegen Rechts» informiert, dass ab 17 Uhr über die Bühne gehen wird.   (Blick)
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Die Musiker die am Montagabend vor der Johanneskirche in Chemnitz ein Zeichen gegen Rechts setzten werden, haben sich vorab an der Pressekonferenz zu den Ereignissen der letzten Tage geäussert.   (Blick)
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Unter ihnen Tote Hosen Sänger Campino (m.) und Kraftklub-Frontmann Felix Brummer (r.).   (Blick)
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1. September 2018: Die Karl-Marx-Statue in Chemnitz.   (Siggi Bucher)
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1. September 2018: Die Polizei musste mehrfach einschreiten.   (AP / RALF HIRSCHBERGER)
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1. September 2018: Das Ende der Demo löste Wutreaktionen aus.   (REUTERS / HANNIBAL HANSCHKE)
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1. September 2018: Chemnitz erlebt derzeit angespannte Tage.   (REUTERS / HANNIBAL HANSCHKE)
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1. September 2018: Die Stimmung ist aufgebracht.   (Reuters)
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1. September 2018: In Chemnitz demonstrieren Tausende Bürgerinnen und Bürger.   (Keystone)
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1. September 2018: Auslöser war die Tötung eines Deutschen, die von Rechtsextremen mit Demos und Anschlägen beantwortet wurden.   (AP / Jens Meyer)
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1. September 2018: Die Befürchtung ist gross, dass es auch am Samstag zu Ausschreitungen kommt.   (Keystone)
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1. September 2018: Linke, Rechte, Liberale – Vertreter jeder politischen Richtung finden sich in Chemnitz.   (AP)
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1. September 2018: Auf dem Platz vor dem Karl-Marx-Denkmal werden Tausende erwartet.   (Reuters)
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1. September 2018: Die Deutschland-Fahne wird nicht nur von Rechten gehisst.   (Reuters)
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1. September 2018: Parolen und Forderungen werden skandiert.   (AP)
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1. September 2018: Die Polizei ist mit einem Grossaufgebot vor Ort.   (Reuters)
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1. September 2018: Polizisten wollen Eskalationen verhindern.   (Reuters)
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1. September 2018: Das Polizeiaufgebot ist riesig.   (Reuters)
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Yousif A., ursprünglich aus dem Irak, soll den Mann in Chemnitz erstochen haben.  
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Sein Tod war der Auslöser: Daniel H. (†35) starb Sonntagnacht durch eine Messerattacke. In Untersuchungshaft befinden sich zwei Ausländer.   (Facebook/Bild)
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Passanten versammeln sich an dem Ort, an dem Daniel H. erstochen wurde.   (Siggi Bucher )
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Seine Witwe ist in der «Bild»-Zeitung schockiert, dass sein Tod von Rechten instrumentalisiert werde: «Das hätte Daniel nie gewollt»   (imago/CTK Photo)
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BLICK-Reporter Tobias Marti verfolgt die angespannte Situation in Chemnitz vor Ort.   (Screenshot)
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Vor der Stadthalle in Chemnitz treffen sich Migranten: Die Polizei warnt vor Diebstählen. Die Migranten wiederum fürchten sich vor Neonazis.   (Siggi Bucher)
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30. August 2018: Beim «Sachsengespräch» wird Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ausgebuht.   (Siggi Bucher)
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30. August 2018: Die rechten Demonstranten bezeichnen sich als «das Volk».   (Siggi Bucher)
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30. August 2018: Am Abend sollen hier Demonstrationen und Gespräche stattfinden.   (Siggi Bucher)
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30. August 2018: Am Abend sollen hier Demonstrationen und Gespräche stattfinden.   (Siggi Bucher)
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Demonstranten aus der rechten Szene machen Stunk in Chemnitz.   (imago)
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Zehn Personen wurden verzeigt, weil sie den Hitlergruss zeigten.   (imago)
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«Wir sind bunt, bis das Blut spritzt», heisst es auf einem Plakat.   (imago)
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Rechte Demonstranten zeigen ihre blanken Hintern.   (imago)
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Zahlreiche Menschen wurden verletzt.   (imago)
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Die Behörden informieren an einer Pressekonferenz.   (Keystone)
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Weisses Schaf kickt schwarzes Schaf: Kennen wir doch von der SVP...   (Keystone )
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Rasch bildete sich ein Mob, der durch die Strassen zog.    (Reuters)
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Auch die Linke mobilisierte, stellten sich mit Gewalt dem rechten Mob entgegen.   (imago)
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Die Polizei versuchte, die Situation in den Griff zu kriegen, war aber heillos überfordert.   (Keystone)
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Linke und Rechte trafen immer wieder aufeinander, Journalisten mussten fliehen.   (Keystone)
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Es kam zu Ausschreitungen, mindestens 20 Menschen wurden verletzt.   (Keystone)
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Später musste die Polizei zugeben, die Situation unterschätzt zu haben.   (Keystone)
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In der Nacht beruhigte sich die Situation etwas. Für Dienstag wurden weitere Proteste angekündigt.   (Reuters)
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