Der Strom der Schweizer Einkaufstouristen ebbt nicht ab. Konstanz (D) ist eine jener grenznahen Städte, die vom Batzen der Eidgenossen profitiert. Das lokale Gewerbe ist dank dem Geld aus Schweizer Portemonnaies nicht nur in der Lage zu überleben, sondern auch satten Profit zu machen. Doch jede Medaille hat zwei Seiten.

«In Konstanz, sagen Spötter, wird es nie eine Pegida geben. Die Bewegung der selbsternannten Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes werde in dieser Stadt keinen Fuss fassen, weil es längst eine Kogema gebe. Konstanzer gegen Eidgenossen mit Ausfuhrschein», kommentiert «Südkurier»-Journalist Jörg-Peter Rau (46) die angespannte Lage zwischen Konstanzern und Schweizern. Er hat dahingehende Diskussionen in der Stadt miterlebt.

«Warensortiment ist auf Schweizer zugeschnitten»

In seinem Kommentar «Zum Schweizer Nationalfeiertag: Die Schweizer tun Konstanz gut!» stellt er sich klar gegen den aufkeimenden Hass auf Schweizer in der Bodensee-Region. Dennoch: «Manche Konstanzer fühlen sich von den Schweizern überrannt», sagt Rau zu BLICK.

«Es gibt eine grosse Neid-Debatte, weil Schweizer eine grössere Kaufkraft haben. Und auch noch die Mehrwertsteuer zurückerstattet bekommen», beschreibt Rau die Lage in Konstanz. Er hat die Zwistigkeiten zwischen den beiden Nationen zwar anlässlich des Schweizer Nationalfeiertags aufgegriffen. Doch an jedem anderen Tag, wäre die Brisanz nicht minder gross gewesen.

«An Freitagen, Samstagen und in den Schulferien: Gefühlt jedes zweite Auto, das man hier sieht, hat ein Schweizer Kennzeichen», sagt Rau. «Viele Konstanzer empfinden das als schlimm.» Wer in Konstanz einkaufen geht, dem sticht das grosse Angebot zwangsläufig ins Auge. «Das Warensortiment in den Supermärkten ist auf die Schweizer Kundschaft zugeschnitten», sagt Rau. «Produkte wie Rivella, die es früher nur in der Schweiz gab, gibt es jetzt auch hier.» Das falle vielen Ortsansässigen auf.

«Die Lösung des Problems liegt in Konstanz»

Der Einkaufstourismus beeinflusst aber nicht nur das Sortiment, sondern auch die Preispolitik in Grenznähe. «Das Leben in Konstanz ist teuer, es hat hier seinen Preis», räumt Rau ein. Deswegen aber einen Groll gegen die Schweizer Einkaufstouristen zu haben, ist nicht die Lösung. Vielmehr müsse man sich die Frage stellen: Ist die Frau mit den fünf Windelkartons an der Misere schuld, oder aber sollte beim Händler eine Beschwerde deponiert werden, warum das Produkt vor Ort im Vergleich zur Nachbarstadt so teuer ist?

«Das Problem liegt bei der Stadt selbst. Es ist die Aufgabe der Politik zu reagieren. Die Lösung des Problems liegt in Konstanz», sagt Rau. Dennoch falle bei einem Blick auf die Zahlen auf: «30 bis 40 Prozent der Einzelhandelsumsätze in Konstanz werden mit Schweizern gemacht.» Die vergleichsweise günstigen Preise locken die Eidgenossen an. «Jeder der aus der Schweiz nach Konstanz kommt, verhält sich ökonomisch vollkommen rational.»

Lobeshymne auf die Schweiz

Doch bei den Konstanzern schürt die Kaufkraft der Schweizer Neid. «Es zu bedauern, wenn man sich etwas nicht leisten kann, ist menschlich vollkommen nachvollziehbar – aber es sollte sich nicht in Feindseligkeit wenden», so Rau. Er mahnt die Konstanzer zu mehr Toleranz und singt gleichzeitig eine Lobeshymne auf die Schweiz. «Oder ist es schon vergessen, wie Schweizer Familien nach dem Krieg ausgehungerte Konstanzer Kinder mit St. Galler Olma-Bratwurst und Schokolade aufgepäppelt haben?»

Er fordert mehr Offenheit, Dankbarkeit und Miteinander. «Ich will vor allem an die Konstanzer appellieren nicht selbstgerecht zu werden», sagt Rau. Die Stadt müsse sich Gedanken machen, was passiert, wenn der Frankenkurs auf 1.40 hochgeht. «Für die Wirtschaft von Konstanz ist es wichtig, dass Geld in die Stadt gebracht wird. Weil es letztlich auch den Bürgern zu Gute kommt.» Auch wenn er die Bedenken und Nöte des kleinen Konstanzer Bürgers nachvollziehen könne, kommt er so gleichwohl zum Schluss: «Die Schweizer tun Konstanz gut!»