Und plötzlich machte sie sich rar: BLICK wollte für diesen Text mit Natalie Rickli (41) sprechen. Doch die medienaffine Politikerin, für Journalisten sonst immer gut erreichbar, lehnte freundlich ab.

Dabei hat der Wahlkampf für die Zürcherin längst begonnen: Heute Dienstag bestimmen die Delegierten der SVP Zürich, ob Rickli den Regierungsratssitz der SVP verteidigen darf.

Zwar hat sich mit dem Zürcher Kantonsrat Christian Lucek (53) Konkurrenz gemeldet. Dass die schweizweit bekannte Nationalrätin gegen ihn unterliegt, ist aber unwahrscheinlich. Zu viele Fans hat sie unter den Delegierten.

«Die Rickli» hat aber auch Kritiker in den eigenen Reihen. Früher wurde sie belächelt, heute fürchtet man ihre Popularität.

«Sie ist keine SVP-Leaderin», sagt einer ihrer Kritiker zu BLICK. «Ihre Fans meinen, sie sei die nächste Bundesrätin. Aber diesen Stellenwert hat sie schlicht nicht.»

Trotzdem greift die ehemalige Senkrechtstarterin in Zürich jetzt nach den Sternen. Ein Sitz in der Kantonsregierung wäre die Krönung einer Karriere mit vielen Höhenflügen, einem tiefen persönlichen Fall – und einer Auferstehung. Vor Letzterer zollen ihr Feind und Freund Respekt.

Für die SVP ist sie genau das, was die Partei jetzt braucht: weiblich, jung, Städterin. Sie spricht somit jene Wähler an, bei denen die Rechtsaussenpartei noch Luft nach oben hat.

Als Europa sich vereinen wollte, trennten sich ihre Eltern

Wie wurde diese Frau zur Gallionsfigur der SVP?

Natalie Rickli wuchs mit ihren Eltern und ihrer Schwester in einer Blockwohnung in Riet auf, einem winzigen Weiler bei Winterthur. Die Mutter arbeitete im Service und putzte im Altersheim. Wenn der Vater mittags von der Arbeit als Carosseriespengler heimkam, erwartete ihn und die Töchter ein frisch gekochtes Zmittag.

Als sie 16-jährig war, wollte Europa sich vereinen. Ihre Eltern aber trennten sich. «Die Scheidung war schlimm für mich», sagte Natalie Rickli 2010 der «Annabelle.»

Als Natalie Rickli politisiert wurde – sie bemüht gerne das Bild des «linken KV-Lehrers, der uns den EWR-Beitrag schmackhaft machen wollte» –, passte sie so gar nicht ins Frauenlager der SVP. Die SVP-Frauen waren in den 90er-Jahren der progressive Stachel im Fleisch der Mutterpartei. Sie sagten 1992 Ja zum EWR, 1996 Ja zur Vorlage über die Blauhelme und sorgten 1994 sogar dafür, dass die SVP knapp der Anti-Rassismus-Strafnorm zustimmte.

Rickli aber war schon immer gegen die EU und für mehr Law and Order. Früher betonte sie das noch wild fuchtelnd, heute spricht sie ihre Gegner mit spitzer Zunge und ruhigen Gesten an.

Kritiker aus den anderen Lagern schimpfen Rickli sei eine Zwei-Themen-Frau: «Mehr Härte! Mehr Privatfernsehen!» Höhere Strafen für Vergewaltiger und Gewalttäter, konsequente Ausschaffung krimineller Ausländer. Sowie die Schwächung der SRG und Stärkung privater Konkurrenz. Verlangt die Linke bei Debatten über sexuelle Gewalt mehr Differenziertheit, sagt Rickli Sätze wie: «Keine Frau wird differenziert vergewaltigt.»

Das kommt im Volk an: Vier Jahre nach ihrem Einzug ins nationale Parlament 2007 überholte sie sogar SVP-Vordenker Christoph Blocher (77) bei der Stimmenzahl.

Mit dem Burnout wurde das Private politisch

Bremsen konnte Rickli nur sich selbst. 2012 erlitt sie ein Burnout. «Sie konnte lange nicht nein sagen und ist nur gsecklet», erinnert sich Nationalrat Felix Müri (60). Der Luzerner war jahrelang Ricklis Pultgspänli im Nationalratssaal. «Ich hatte mir schon lange vor ihrem Zusammenbruch Sorgen gemacht», so Müri.

Ein halbes Jahr tauchte die bis dahin medial überpräsente Politikerin ab. Schöngeredet wurde in ihrer schwersten Stunde nichts: Rickli kommunizierte ihr mentales Leiden offensiv, sagte, warum sie der Herbstsession fernbleibt. Und gab nach der Genesung ein intimes Interview im SonntagsBlick. Das Private, das sie sonst genaustens schützt, wurde politisch. Die in sozialpolitischen Fragen knallharte Rickli enttabuisierte mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit psychische Erkrankungen. «Rückblickend gesehen hat diese Krise sie sehr gestärkt. Gegen innen und aussen», so Müri.

Die «Rickli-Zickli»-Vorwürfe aus der eigenen Partei sind völlig verstummt. So sagt der St. Galler SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel (52): «Sie ist eine ruhige, sehr gewissenhafte Person. Natalie ist zudem zurückhaltender, als sie bei Medienauftritten wirkt. Ich glaube, sie würde auch dank ihres Charmes eine gute Regierungsrätin und Departementschefin sein.»

Natalie Rickli: «Liebe Frauen, wir schaffen das»

In der Krise an ihrer Seite war auch SP-Nationalrätin Chantal Galladé (45). Rickli und Galladé kennen sich seit Kindheitstagen, ihre Mütter waren befreundet, sie beide wuchsen in nicht privilegiertem Umfeld auf. Heute betreiben die beiden sogar Wahlkampf füreinander: Rickli empfahl Galladé als Schulpflegerin in Winterthur.

Und Galladé schwärmt gegenüber BLICK: «Natalie Rickli spielt keine falschen Spielchen. Wenn ich sie nach langen Diskussionen von einem Punkt überzeugen konnte und sie ankündigt, diesen auch so zu vertreten, dann hält sie Wort.»

Andere Frauen unter der Bundeshauskuppel treiben Rickli zur Weissglut. Etwa indem sie feministische Anliegen vehement bekämpft oder deren Notwendigkeit abstreitet. Als der Nationalrat zuletzt über eine Frauenquote in börsenkotierten Unternehmen stritt, trat Natalie Rickli ans Mikrofon und sagte: «An die Feministinnen, die hier diese Forderungen aufstellen: Sie sind schon erfolgreich! Ihr Druck wirkt bereits. Eine gesetzliche Regelung ist aber nicht nötig. Liebe Frauen, wir schaffen das!» Das kollektive Augenrollen auf der linken Ratsseite war ihr sicher.

Natalie Rickli, ein Profi der Selbstvermarktung. Aus der einst polternden Senkrechtstarterin ist eine pointiert argumentierende Politikerin geworden. Den Altherrenclub SVP hat sie mit ihrem Charme nun in der Tasche. Oder wie Müri es ausdrückt. «Sie kann gut mit Männern und ist voll auf SVP-Linie. Ein Glücksfall.»