Es war ein verzweifelter Angriff in letzter Sekunde. Doch Natalie Rickli (41) trotzte ihm stoisch – und gewann: Die Delegierten der SVP Zürich wollen mit überwältigender Mehrheit, dass die Winterthurerin den SVP-Sitz von Markus Kägi (64) im Regierungsrat verteidigt. Konkurrent Christian Lucek (54) war chancenlos.

Die Stimmung unter den 327 SVP-Delegierten im Restaurant Rössli in Illnau ZH war vor dem Showdown am Dienstagabend «vergiftet», wie ein Delegierter in seinem Votum sagte. Die Stadtmusik versuchte aufzulockern, das Wir-Gefühl ersangen sich die SVP-ler mit der Nationalhymne.

Doch den Ärger konnten sie nicht wegsingen: SVP-Kantonalpräsident Konrad Langhart (55) sprach seinen Leuten ins Gewissen: «Es sind Aussagen gemacht worden, die keinen Platz haben in unserer Partei. Die Urheber müssen sich entschuldigen!» Er sei überzeugt, dass die Delegiertenversammlung trotzdem «würdig» ablaufe.

Lucek entschuldigt sich bei Rickli

Unwürdig war in seinen Augen das, war zuvor abgelaufen war: Wie der «Tagesanzeiger» bekannt machte, verschickte Christian Lucek kurz vor der Versammlung eine Mail an ausgewählte Delegierte – eine Anleitung zur Demontage von Natalie Rickli.

Natalie Rickli (l.) und Ernst Stocker sind auf dem Duo-Ticket der SVP.   (Keystone / WALTER BIERI)
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Kantonsrat Christian Lucek (r.) kandidierte gegen Rickli.   (Keystone / WALTER BIERI)
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Rickli war glücklich über den Ausgang der Wahl.   (Keystone / WALTER BIERI)
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Seit 2007 im Nationalrat: die Zürcherin Natalie Rickli.   (Monika Flückiger)
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Sie gehört seither zu den bekanntesten Politikerinnen des Landes (hier während der Sommersession 2017 in Bern).   (Keystone)
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2011 war sie die bestgewählte Nationalrätin, überholte sogar SVP-Vordenker Christoph Blocher.   (Blick )
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Das Fuchteln hat sie sich abgewöhnt: hier 2012 während der Frühlingssession.   (Keystone )
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Die SVP-Frau kann sich gut selbst vermarkten.   (Keystone)
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2012 erlitt Natalie Rickli ein Burnout. Ende Januar 2013 sprach sie im SonntagsBlick offen über die Krankheit und posierte vor der Klinik Hohenegg, wo sie sich behandeln liess.   (Sabine Wunderlin)
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Seither könne sie besser Nein sagen. Zum Ausgleich ihres stressigen Alltags macht Natalie Rickli Yoga.   (Keystone)
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Und das gerne auch mit ihrer Freundin Chantal Galladé. Die SP-Frau und die SVP-Frau verbindet eine langjährige Freundschaft.   (Instagram)
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So finden sie immer wieder gemeinsame Themen. So überzeugte Rickli Galladé von härteren Gesetzen für Gewaltstraftäter. Und Galladé holte Rickli ins Lager der Gegner der Kriegsmaterialausfuhr-Lockerung.   (KARL-HEINZ HUG)
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Für viele Feministinnen unter der Bundeshauskuppel ist Natalie Rickli ein rotes Tuch. Der rechte SP-Flügel mit Chantal Galladé und Evi Allemann (r.) hat weniger Berühungsängste.   (Keystone )
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Jetzt greift Natalie Rickli nach den politischen Sternen: Sie will den SVP-Sitz in der Zürcher Kantonsregierung verteidigen.   (Keystone)
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Unter anderem forderte der Berufsmilitär die Parteifreunde auf, Rickli Fragen zur Familienplanung zu stellen. Sein Macho-Argument: Eine Frau im gebärfähigen Alter ist ein Risiko für die Politik. Zudem sollen die Delegierten die Schicksalsfrage stellen: «Wollen wir vier Frauen im Regierungsrat?»

Zudem spielte der jetzt unterlegene Lucek auf Ricklis längst auskurierte Burn-out-Erkrankung von 2012 und ihre attraktive Erscheinung an: «Hübsches Wahlplakat ist das eine, aber es geht vor allem darum, während möglichst acht Jahren in einem 16-Stunden-Knochenjob harte Arbeit zu leisten (...).», diktierte er seinen Kollegen per Mail.

Doch es nützte nichts. Zugpferd Rickli hatte zu viele Fans unter den Delegierten.

Lucek ist jetzt der «grosse Verlierer»

Der Angriff sei der Sargnagel für die Regierungsrats-Ambitionen des seit 2011 auf kantonaler Ebene politisierenden Lucek, so ein einflussreiches SVP-Mitglied zu BLICK. «Er hätte sowieso nicht gewonnen. Aber jetzt ist er der grosse Verlierer. So einen Anfängerfehler darf sich einer, der Regierungsrat werden will, nicht erlauben.»

Lucek streute Asche auf sein Haupt: «Das Mail ist unbedarft und im Rückblick klar ein Fehler», sagte er. Den Inhalt bereue er aber nicht, einzig seine Naivität. «Ich bin nicht bereit, mich für etwas zu entschuldigen, das von den Medien aufgebauscht wurde!»

Darob platzte Roberto Martullo (54), Ehemann von Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher, der Kragen: «Sie sagen, die Medien treiben einen Keil zwischen uns. Trotzdem waren Sie so naiv, so eine Mail rauszulassen. Wenn Sie so naiv sind, wie wollen Sie als Regierungsrat entscheiden, was Sie den Medien sagen wollen?»

Andere Delegierte forderten Lucek auf, sich persönlich bei Rickli zu entschuldigen. Offenbar tat er das dann auch. Nationalrat Fredi Heer (56) meinte: «Lucek ist ein guter Mann. Aber er ist verbrannt.» Alt-Regierungsrätin Rita Fuhrer (65) lobte Rickli: «Sie hat die Kraft für diesen Job und lebt unsere Werte! Bitte wählt sie.»

Rickli stärker als Blocher

Rickli verzog dabei keine Mine. Die Winterthurerin ist ein Profi der Selbstvermarktung, Wahlkampf liegt ihr. Bereits vier Jahre nach ihrem Einzug in den Nationalrat 2007 überholte sie stimmenmässig sogar SVP-Vordenker Christoph Blocher (77).

Neben Rickli tritt Ernst Stocker erneut an. Der Finanzdirektor und ehemalige Bauer (sein Sohn führt den Hof) bedient die SVP-Stammwählerschaft. Doch die SVP schwächelt in urbanen Gebieten. So ist Rickli in den Augen der Strategen genau das, was die Partei jetzt braucht: weiblich, jung, Städterin. Nun hat sie bis März Zeit, die Zürcher von sich zu überzeugen. Sicher ist: Vom Macho-Angriff könnte sie am Ende sogar profitieren. Dank ihm kann Rickli im Wahlkampf die Frauenfrage bewirtschaften, ohne sie selbst je gestellt zu haben.