Mit einem VW-Bus holpern wir vom Tessiner Dorf Sigirino im Ve­deggio­tal über einen zwei Kilometer langen Zugangsstollen in den Berg hinein. Der Boden ist schlammig, die Sicht diesig. Vor uns Nebel aus Staub und Wasser. Wir sind unterwegs zum kleinen Bruder des neuen Gotthard-Basistunnels der SBB. Baustellenbesichtigung im Basistunnel am Monte Ceneri.

Am Steuer des VW sitzt Bauingenieur Claudio Isler (36), neben ihm Oberbauleiter Paolo Vicentini (50). Sie wollen zeigen, was oft vergessen geht: Während der Tunnel durch das Gotthardmassiv fast fertiggestellt ist, wird am Ceneri noch immer gesprengt. Durch den Gotthard rollen bereits die Testzüge, aber hier, unter dem Monte Ceneri zwischen Bellinzona und Lugano, sind erst rund 90 Prozent des 15,5 Kilometer langen Tunnels ausgebrochen.

Die Tunnelbauer graben sich im Ceneri aus dem Berg nach aussen. Von der Zwischenangriffsstelle Sigirino aus sprengen sie sich in zwei Röhren nach Norden und Süden durch. Im Süden fehlen noch 100 Meter bis zum Durchbruch, im Norden rund zwei Kilometer (siehe Grafik).

Zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2019 sollen hier die ersten Züge rollen. Obwohl der Gotthard-Basistunnel schon drei Jahre früher in Betrieb sein wird, wird erst mit der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels die Flachbahn durch die Alpen Realität. «Das nützt vor allem dem Güterverkehr», sagt Vicentini. Die Züge können künftig schwerer und ohne zusätzliche Loks durch die Alpen fahren.

Drei Meter pro Sprengung

Im Berg dröhnt es unablässig. Belüftungsschläuche pumpen Frischluft in die Tunnels, den Wänden entlang rumpeln die Förderbänder. Millionen Tonnen Gestein führen sie aus dem Berg. Draussen, bei Sigirino, ist der Schutthügel bereits 200 Meter hoch.

Wir fahren nach Süden, zum Ende der Oströhre. Dort bohrt ein Bohrjumbo mit seinen Stahlarmen drei Löcher gleichzeitig. Rund 140 Löcher davon treibt die Maschine in die Wand, bevor in jedes von ihnen etwa zwei

Kilogramm Sprengstoff geschoben werden. Eine Sprengung bringt die Tunnelbauer ­einen bis drei Meter voran.

Nur 50 Meter unter der Erde

Weil die Gesteinsschichten zu unterschiedlich und unvorhersehbar sind, kommen im Ceneri keine Tunnelbohrmaschinen zum Einsatz. «Vor allem im Norden ist die Geologie schwierig, da hätten wir uns etwas Besseres gewünscht», sagt Oberbauleiter Vicentini.

Wegen des schwierigen Gesteins müssen die Arbeiter die Röhre zusätzlich sichern. Das dauert. Eine Sprengung pro Tag schaffen sie. Zudem dürfen die Mineure im südlichen Abschnitt nur tagsüber und an Werktagen arbeiten: Der Tunnel verläuft bloss 50 Meter unter der Erdoberfläche. In den Dörfern hört man den Lärm und spürt die Erschütterungen.

Wir wechseln hinüber in die Weströhre. Nackter Fels liegt vor uns: die Tunnelbrust. Der Geruch von Ammoniak sticht in die Nase. Vor kurzem explodierte hier Sprengstoff. Eine von Tausenden Sprengungen, Alltag für die Tunnelbauer. Doch mit jeder Sprengung entdecken sie Neuland. «Hier war seit Millionen von Jahren niemand», sagt Bauingenieur Isler, «da fühlt man sich wie ein Astronaut, der im All fremde Welten betritt.»

Löcher im Berg

Ein Bagger säubert den Fels von lockerem Gestein. Immer wieder sprüht er wegen des Staubs Wasserdampf auf den Fels. Eine Szene wie aus einem Science-Fiction-Film, Maschine kämpft gegen Natur. Doch Bauingenieur Isler sagt: «Dieser Kampf lehrte mich viel Respekt für unsere Natur.»

Andere Länder bauen Pyramiden, Paläste. Die Schweiz baut Tunnel. Löcher im Berg. Aber deren Symbolkraft ist gross, Tunnel schaffen Verbindungen. Am Gotthard seit der Eröffnung des ersten Tunnels 1882 nicht nur geografisch, sondern auch kulturell.

«Wir erschaffen ein Jahrhundertwerk», sagt Isler. Daran mitzuwirken, verschaffe ihm Befriedigung. In fünf Jahren, wenn die Leute im Zug durch den Ceneri fahren, dann fahren sie durch seinen Tunnel. «Jeden, der hier dabei ist», sagt er, «erfüllt das mit Stolz.»