Es ist ein seltsames Gefühl, an diesem Ort über blitzblank gefegten Beton zu spazieren: Mitten im Berg, begraben unter tausenden Metern Fels, tief im mythischen Gotthard. In der Tunnelröhre der Superlative, dem Neat-Basistunnel. Die Lüftung rauscht unablässig, es ist trocken und heiss, über 30 Grad Celsius. Glatt sind die Tunnelwände, endlos zieht sich die Röhre dahin, verschwindet im Nirgendwo. Am Ende sieht man nur: Dunkelheit.

Der Betonboden und die gesamte Tunnelröhre müssen so sauber sein, sagt Alptransit-Sprecher Maurus Huwyler (39). Damit der Fahrtwind der bis zu 250 Stundenkilometer schnellen Züge keine herumliegende Steinchen oder Staub aufwirbelt. Sie könnten die Züge beschädigen. Jedes Staubkorn schadet der Fahrleitung, den Türen und elektromechanischen Schaltungen. Um den Tunnel zu reinigen, sagt Huwyler, habe die SBB ein Spezialgerät entwickelt, einen Tunnelstaubsauger. Er säubert die Betonröhre mit seinen Saugrüsseln rundum.

Maurus Huwyler führt die Medien seit Jahren durch die neue Neat-Röhre. BLICK nimmt er mit auf eine exklusive Tunnel-Besichtigung, eine der letzten, kurz bevor die letzten Anlagen eingebaut werden. Seit Anfang Oktober brausen hier nun die Testzüge, an die 3000 Fahrten werden es bis zur feierlichen Einweihung am 1. Juni 2016.

Wir spazieren durch eine Kathedrahle aus Spritzbeton: die Bahnhofshalle der Porta Alpina unter Sedrun (GR). Tatsächlich plante man einmal, von hier die Touristen über einen 800-Meter hohen Lift nach oben zu befördern, direkt ins Skigebiet von Sedrun. Was für eine Idee.

Längst sind die fantastischen Pläne verworfen, zu kompliziert wäre das geworden. Ein millionenteurer Spezialbahnhof, der schnelle Lift, die schwierige Zufahrt – rentabel wäre das nie gewesen. Nur für Nothalte dient die Halle in Zukunft, es hat sogar Sitzbänke, damit sich erschöpfte Passagiere darauf ausruhen können.

Dieser Tunnel, diese technische Meisterleistung, sie überwältigt einen noch immer. Rund 16 Jahre Bauzeit, zehn Milliarden Franken Kosten, 57 Kilometer Länge, der längste Eisenbahntunnel der Welt. So viele Superlative. Einmal mehr gebührt den Tunnelarbeitern, die hier jahrelang schufteten, grossen Respekt. Fast wehmütig blickt Maurus Huwyler auf die vergangenen Jahre: «Klar, auch so ein Projekt ist einmal zu Ende, das macht schon ein wenig traurig. Aber beschweren wird sich sicher niemand.»

Doch dann, wenn man eine Weile durch diesen Megatunnel spaziert, macht sich überraschend Ernüchterung breit. Es bleibt halt, nun ja, ein Loch. Bald wird es gar beklemmend: Der Mund ist trocken, die Kleidung klebt wegen der Hitze auf der Haut, die Enge im Tunnel drückt auf das Gemüt. Dass man schon in einem Jahr rasend schnell durch den Tunnel fährt: wie beruhigend.