Fabian Baumann (37) fräst sich durch den Winter. Er steuert eine orange Maschine, die ununterbrochen Tonnen von Schnee frisst – und in hohem Bogen in den blauen Himmel spuckt. Bis zu fünf Meter hoch ist die Schneedecke kurz vor der Passhöhe am Gotthard. Mit seiner Schleuder gräbt sich Baumann durch die oberste Schicht. Er steckt tief im Schnee. Und spurt vor. «Es ist wahnsinnig hier oben», sagt er. «Das Wetter, die Ruhe, es ist richtig schön.»

Weit hinter ihm schleudern drei weitere Maschinen den Schnee zur Seite. Auch von Airolo TI her fräsen sich Arbeiter mit schwerem Gerät den Berg hoch. Seit letzter Woche befreiten die Teams 24 Kilometer Passstrasse von gegen 170 000 Tonnen Schnee.

Noch schlummert der Gotthard. Ein Schmetterling hat sich ins Weiss verirrt, Zeuge des Frühlings, der noch nicht bis hierher auf 2100 Meter Höhe vorgedrungen ist. Doch in einem Monat soll der Verkehr rollen. Pünktlich zu Pfingsten am 22. Mai. Der Pass lindert das Stauchaos am Gotthard, er ist von nationaler Bedeutung.

Das Amt für Nationalstrassen räumt ihn daher schon jetzt frei. Kosten: 400 000 Franken.

Sieben Stunden pro Tag steuert Baumann seine Fräse durch den Schnee, Zentimeter für Zentimeter. Es wirkt gemütlich. Doch die Arbeit erfordert höchste Konzentration. Er muss aufpassen, dass er die verborgene Strasse nicht verfehlt. Eisenstangen am Strassenrand helfen ihm. Jederzeit könnte er auf weichen Stellen einsacken oder zur Seite kippen. Sofort muss er dann gegensteuern. Vor allem in den Steilhängen ist das gefährlich.

Dort lauern Lawinen in den Couloirs. Sobald die Sonne den Schnee erwärmt, können sie sich lösen und die Strasse wieder zuschütten – was immer wieder vorkommt. Die Männer tragen Verschüttetensuchgeräte. Und sie arbeiten meist nur bis 14 Uhr, da die Hänge oft am Nachmittag nachgeben. Notfalls fräsen sie sich durch Lawinen, um ins Tal zu gelangen. «Wir arbeiten mit der Natur und passen uns an», sagt Baumann. «Wenn du gegen sie kämpfst, verlierst du.»

Die Sicherheit der Männer garantiert Brosi Müller (58), Vorarbeiter des Räumungsteams auf der Nordseite. Am Gotthard kennt er jeden Winkel. Er weiss, wo Lawinen niedergehen. Bis zu 50 Skitouren unternimmt er im Winter. Ständig beobachtet er die Hänge. Und warnt, wenn eine Lawine niederzugehen droht.

Mit seinem Finger kratzt er an einer Schneewand. «Der Schnee ist kompakt, hart, super zum Fräsen», sagt er. Würden sie länger warten, wäre er bald zu weich und schwer. Die Maschinen hätten dann keine Chance mehr. Der April ist daher ideal. Von allein schmilzt der Schnee nicht. «Ohne uns würde der noch bis im Herbst hier liegen», sagt Müller.

In ein paar Tagen soll die Strasse schneefrei sein. Dann montieren die Arbeiter Leitplanken und Schilder, reparieren Schäden, säubern Felswände über der Strasse von gefährlichen Steinen. Nach dem Oberalp und dem Gotthard räumt Müller mit seiner Truppe die Furka und den Susten. Der Gotthard sei sein Highlight: «Der Berg ist besonders. So viele Leute fragen bereits, wann der Pass endlich öffnet. Die wollen alle rüber», sagt er. Schon jetzt müssen sie unten an der Barriere in Hospental UR täglich Vorwitzige zurückweisen, die mit Töff oder Rennvelo über den Berg wollen. Dabei kann es jederzeit wieder schneien. «Die Leute haben vergessen», sagt Müller lachend, «dass wir hier noch Winter haben.»