In der Schweiz leuchten sie nicht besonders stark: die Regenbogenfarben auf dem Banner der Homosexuellen. Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern haben Schwule und Lesben bei uns deutlich weniger Rechte. Zu diesem Fazit kommt ein Bericht des internationalen Dachverbands Ilga, ein weltweiter Zusammenschluss der Organisationen von Lesben, Schwulen, Transgender- und intersexuellen Menschen (englisch LGBT).

Gemäss der Studie erfüllt die Schweiz die rechtliche Gleichstellung von LGBT-Angehörigen zu 38 Prozent und belegt damit lediglich Platz 22 im europäischen Länder-Ranking – hinter Ungarn, Estland oder Kroatien.

Am fortschrittlichsten ist nach den Ilga-Kriterien Malta. Der Inselstaat rangiert vor Belgien und Norwegen auf Platz eins. Die wenigsten Rechte haben Homosexuelle und Transgender-Menschen in Monaco, Russland und – Rang 46 von 46 – in der Türkei.

Die Schweiz kennt noch keine Homo-Ehe – im Gegensatz zu den meisten westeuropäischen Ländern. Das Bild zeigt einen Umzug der Gay Pride in Lugano TI.  (Keystone)

Schweiz im Mittelmass

Doch warum schneidet die Schweiz schlechter ab als etwa Ungarn, wo es in den vergangenen Jahren wiederholt zu gewalttätigen Übergriffen auf Schwule und Lesben gekommen ist?

Für den Bericht untersuchte die Ilga 55 Forderungen der LGBT-Gemeinschaft. Sie reichen vom Recht zur Adoption von Stiefkindern bis zum Verbot der operativen Geschlechtskorrektur bei intersexuellen Kindern. Je mehr ein Land erfüllt, desto besser schneidet es ab. Die Analyse misst weniger die gesellschaftliche Akzeptanz von unterschiedlichen sexuellen Identitäten, sondern vielmehr deren gesetzlich garantierte Rechte. Und da ist die Schweiz im Europavergleich tatsächlich nur Mittelmass.

Selbst Irland kennt die Homo-Ehe – aber die Schweiz nicht

Bestes Beispiel: die Homo-Ehe. In fast allen westeuropäischen Ländern dürfen Schwule und Lesben heiraten. Selbst das erzkatholische Irland hat die gleichgeschlechtliche Ehen längst legalisiert. In der Schweiz hingegen ist die sogennannte Homo-Ehe immer noch verboten. Die parlamentarische Initiative «Ehe für alle» der Grünliberalen steckt seit Jahren in den politischen Mühlen Berns fest.

Miserabel schneidet die Schweiz auch beim Diskriminierungsschutz ab. Anders als rassistische sind homophobe Äusserungen in der Öffentlichkeit heute nicht per se strafbar. Eine Ausweitung der Rassismusstrafnorm auf Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung steht im Bundeshaus zwar zur Debatte, es gibt bisher aber keine politische Mehrheit dafür.

 (Blick Grafik)

Fehlende gesetzliche Verankerung

René Schegg, Geschäftsführer des Schwulenverbandes Pink Cross, ist über das schlechte Abschneiden der Schweiz nicht erstaunt. Viele europäische Länder hätten in den letzten Jahren Gesetze verabschiedet, um die Rechte von LGBT-Menschen zu stärken. Schegg: «Die Gleichstellung muss auch in der Schweiz gesetzlich verankert werden.»

Zudem fordert Pink Cross, dass Hassdelikte gegen LGBT-Menschen statistisch gesondert erfasst werden. Solche Straftaten gibt es auch bei uns. Ende 2015 etwa stürmten Vermummte eine Schwulenbar in Zürich und attackierten Gäste wie Personal.