So trocken wie dieses Jahr war es in der Schweiz zuletzt vor fast hundert Jahren. Diese Woche geht der Sommer sogar nochmal in die Verlängerung. Gestern knackte Sitten VS nochmal die 30-Grad-Marke. Ausreichender Dauerregen? Weiter Fehlanzeige! Die Folgen: Hohe Waldbrandgefahr und austrocknende Gewässer. Das vermeintliche Ergebnis: Das vielzitierte Wasserschloss Schweiz trocknet aus.

Viele Gemeinden reagierten. So wurde den Bauern die Wasserentnahme aus Flüssen und Bächen verboten, die Bevölkerung wurde vielerorts aufgefordert, sparsam mit dem Wasser umzugehen. Bis heute.

Konsumenten können gar kein Wasser sparen

Ein Diktat, das der Basler Agraringenieur Christian Strunden in Bezug auf die Privathaushalte kritisiert: «Das Wasser, das bei uns aus dem Hahnen kommt, entstammt fast immer einem Fluss, dem das Wasserversorgungsunternehmen eine geringe Menge Wasser entnimmt, es reinigt, aufbereitet und nach Benutzung über die Kanalisation wieder in den Fluss zurückleitet.» In diesem Fall können Konsumenten also gar kein Wasser sparen, sagt Strunde.

Denn sie hätten so nur Einfluss auf die Nutzung – nicht aber auf den Verbrauch. Der Agraringenieur nennt ein Beispiel: «Stellen Sie sich ein Pärchen vor, das im Hochsommer auf einer Wiese steht. Auf einmal donnert es, und ein wolkenbruchartiger Niederschlag prasselt auf beide nieder. Der Mann sagt ‹Endlich!› und lässt sich bis auf die Haut abduschen. Die Frau spannt ihren Regenschirm auf und bleibt trocken. Hat jetzt der Mann Wasser ‹verbraucht› und die Frau Wasser ‹gespart›? Die Antwort ist einfach: Weder noch, beide Verhaltensweisen haben den Wasserkreislauf in keiner Form beeinträchtigt.»

Falsches Sparen kann Leitungen verschmutzen

Kurz: Wassersparen ist in der Schweiz fast immer sinnlos. «Das Wasser, das wir nicht nutzen, fliesst am Ende einfach ungenutzt an uns vorbei in die Meere.»

Strunden geht noch weiter: Wenn Schweizer plötzlich massiv Wasser sparen, kann das sogar Schäden verursachen. «Wenn Wasserleitungen nicht voll ausgelastet sind, nehmen sie Schaden. Zudem kann stehendes Wasser in den Rohren zur Keimbildung führen.» Resultat: übler Gestank. «Dann müssen Trinkwasserversorger die Leitungen mit Frischwasser spülen, was ja nicht Sinn der Sache sein kann», so Strunden.

Mehr Niederschlag als verbraucht werden kann

Nur wenn wegen ausbleibenden Regens die Wasserspiegel einiger Flüsse derart sinken, dass die Fischbestände gefährdet sind, kann der Aufruf zum Wassersparen für Privathaushaltungen sinnvoll sein. Strunden dazu: «Doch selbst 2018 passierte das nur in wenigen, kleineren Gewässern.»

Schliesslich habe die Schweiz nicht umsonst den Übernamen Wasserschloss. «Es ist eine ökologische Gewissheit, dass es in der Schweiz aufs Jahr gesehen immer um ein Vielfaches mehr Niederschlag gibt, als dass der Mensch konsumieren kann», sagt der Agraringenieur. Unter anderem sorgen die hohen Berge in der Schweiz dafür, dass Wolken hier zuverlässig abregnen.

Waren die behördlichen Aufrufe zum Wassersparen also übertrieben? So radikal wie Strunden ist Stephan Müller, Leiter der Abteilung Wasser des Bundesamtes für Umwelt, nicht. Aber auch er macht deutlich, dass Wassermangel in der Schweiz selbst in einem Extrem-Sommer kein wirkliches Problem ist: «Wir brauchen gerade mal sieben Prozent des theoretisch nutzbaren Grundwasservorkommens.» Und das Grundwasser reagiere nur abgeschwächt auf die Trockenheit an der Erdoberfläche. «Klar, die Grundwasserpegel sind teilweise sehr tief – aber angesichts des Volumens ist das immer noch vernachlässigbar», so Müller.

Kein schweizweites Trinkwasserproblem

Darum: Nein, ein Trinkwasserproblem habe die Schweiz nicht, «und sie wird es auch nie haben». Aber es kann zu logistischen Problemen kommen, wenn einzelne Quellen versiegen und die lokale Wasserversorgung nur davon gespeist wird.

Aufrufe zum Wassersparen können aber trotzdem gerechtfertigt sein. Solche gab es diesen Sommer etwa im Thurgau. Heinz Ehmann vom Thurgauer Amt für Umwelt erklärt: «Es kann bei einer Trockenheit zu Problemen mit der Verteilung des Wassers kommen. Dies, weil die Wasserleitungen nur eine beschränkte Kapazität haben.» Müssen Gemeinden, deren Grundwasservorräte zu niedrig sind, Wasser von ausserhalb beziehen, könne es zu Engpässen kommen, weil die maximale Bezugsmenge limitiert sei.

Wo sich Ämter und Agraringenieur Strunden indes einig sind: Anders als in Saudi-Arabien wird in der Schweiz niemals jemand Wasser sparen aus Angst, bald nichts mehr zu trinken zu haben. Egal, wie heiss und trocken ein Sommer auch werden mag.