Eine Studentin der Universität Fribourg swipet auf Tinder, bis sie ein bekanntes Gesicht entdeckt. Beim Mann handelt es sich um einen Lehrbeauftragten, bei dem sie auch schon im Vorlesungssaal sass, wie die «Schweiz am Wochenende» berichtet.

Sie tippt das grüne Herz an, weil sie laut dem Zeitungsbericht neugierig ist. Auch der Dozent wischt nach rechts. Nach dem Match schreibt sie ihm, sie sei seine Studentin. Die junge Frau erwartet, dass der Dozent die Unterhaltung beendet. Stattdessen schlägt er vor, auf Facebook weiterzuschreiben. Daraufhin beendet die Studentin die Konversation selbst.

Später erzählt sie ihrer Freundin, Nanina Studer, von der Geschichte. Studer verfasst einen Kommentar in der Studentenzeitschrift «Spectrum» mit dem Titel «Sex gegen Sechs». Darin wirft Studer dem Dozenten vor, seine Position für «persönliches Vergnügen» auszunutzen und zweifelt an, ob alle Noten für «akademische Leistungen» vergeben werden. Dies wäre «eine Beleidigung an alle Studentinnen, die ihr Studium ernst nehmen und hart dafür arbeiten.»

«Warum bricht sie nicht ab, als sie ihn erkennt?»

Auf die Seite des Mannes stellt sich dagegen der Fribourger Strafrechts- und Rechtsphilosophie-Professor Marcel Alexander Niggli. Auch er schreibt ein Essay mit dem Titel «Moralischer Sexismus». Darin kritisiert er das Verhalten der Studentin und fragt, «Warum bricht sie nicht ab, als sie ihn erkennt? Was genau muss er ihr gegenüber schliessen, wenn sie ihm eröffnet, sie sei seine Studentin? Dass sie eine Agente provocatrice sei?», schreibt der Professor.

Er argumentiert mit der Funktion von Tinder, die eine Zustimmung von beiden Seiten vorsieht, bevor es zu einer Kontaktaufnahme kommen kann. «Wer Avancen selbst dort fürchte, wo er explizit dazu einlade, der lehne die Verantwortung für das eigene Verhalten ab», schreibt er. (man)