Am 8. August verprügelte eine Männergruppe fünf Frauen vor dem Genfer Club «Petit Palace». Alle wurden verletzt, eine Frau sogar so schwer, dass ihr Leben tagelang am seidenen Faden hing und sie auch nach dem Erwachen aus dem Koma noch in kritischem Zustand war. Bis heute ist sie arbeitsunfähig, wie ein enger Vertrauter gegenüber BLICK sagt.

Die Mehrheit der Brutalos wurde identifiziert – es sind Franzosen. Sie konnten jedoch flüchten und erfolgreich untertauchen. Die französische Justiz spricht von «ungefähr sechs Individuen».

Autonummern bekannt, Gesichter auf Video

Nach wenigen Tagen Ermittlung übergaben die Genfer Behörden den Fall ihren Kollegen ennet der Grenze. Seither liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft in Annecy (F). Doch die Frauen-Schläger laufen immer noch frei herum – obwohl die Autonummern der beiden Fluchtautos bekannt sind. Zudem konnten mehrere Täter auf Überwachungsvideos im Club identifiziert werden. Ein Augenzeuge sagte zu BLICK, dass es fünf Angreifer waren, darunter würden mindestens drei aus Nordafrika stammen. Flüchteten sie womöglich in ihre Heimat? Konnte sie die französische Polizei deshalb noch nicht finden? Oder bekommt der Fall in Frankreich zu wenig Priorität?

Der Staatsanwalt von Annecy, Pierre Filliard, erteilt BLICK keine Auskunft. «Zum Fall wurde schon alles kommuniziert», lässt eine Assistentin ausrichten. In der Schweiz ist man etwas auskunftsfreudiger, bestätigt, dass es noch zu keinen Festnahmen kam. Die Arbeit der französischen Kollegen will man allerdings nicht kommentieren, sagt Justiz-Mediensprecher Vincent Derouand.

Wut in der Bevölkerung immer noch gross

Die Genfer CVP-Grossrätin Anne-Marie von Arx-Vernon nimmt die französische Polizei in Schutz: «Wenn nichts kommuniziert wird, heisst das ja nicht, dass es noch keine Fortschritte gibt.» Sie findet: «Die französische Polizei soll ihre Sache seriös, aber gut machen und sich dabei die Zeit lassen, die sie braucht. Es sind ja keine Cowboys.»

Aber sie versteht auch, wenn die Wut der Bürger «nach wie vor gross» sei. Deshalb sei auch der von ihr lancierte Vorstoss gegen Sexismus wichtig. «Ich spüre, dass besonders bei Frauen das Bedürfnis nach einem solchen Schutz sehr gross ist.»

Polizei muss zuerst beweisen können, wer was getan hat

Weshalb die Strafuntersuchung unter Umständen länger dauern dürfte, schilderte kürzlich Jean Sanchez, Ex-Chef der Genfer Polizei, in der «Tribune de Genève ». «Um jemanden nicht nur festnehmen, sondern ihn auch in Haft behalten zu können, braucht es ein solides Dossier.» Deshalb hätten die Handschellen vielleicht auch aus taktischen Gründen noch nicht geklickt. «Man muss zuerst die Rolle jedes einzelnen Täters kennen», so Sanchez. Wer hat zuerst geschlagen? Wer verpasste welchem Opfer einen Schlag und mit welchen physischen Folgen? «Je mehr Punkte man einem Täter nachweisen kann, umso eher kann man ihn für die Dauer der Ermittlungen in Untersuchungshaft behalten.»

Er rechnet aber damit, dass die Identität der Täter auch noch gar nicht so hundertprozentig geklärt ist. Denn selbst wenn Videoaufzeichnungen vom Abend im Club vorliegen würden, sei nicht sicher, dass die richtigen Männer darauf gefunden wurden. «Zehn Augenzeugen können zehn unterschiedliche Täter identifizieren. Sogar die Opfer können sich täuschen bei der Täterbeschreibung.»