Der 15. September 2008 markiert den Stillstand. Die Investmentbank Lehman Brothers war zwar bloss eines von vielen Zahnrädern im globalen Finanzsystem. Doch als Lehman vor 10 Jahren in Konkurs ging, blockierte die ganze ­Maschinerie. Nichts bewegte sich mehr.

Die Pleite löste eine globale Bankenkrise aus, die die Welt ins Wanken brachte. Die grossen Banken vertrauten sich nicht mehr, was den Kreditmarkt aus den ­Fugen hob. Die Zinssätze schossen nach oben, was Schuldner in die Pleite führte. Viele Wertpapiere wurden unverkäuflich und lösten weitere Pleitewellen aus. Weltweit mussten die Staaten den Banken zu Hilfe eilen, auch in der Schweiz, wo die UBS gerettet werden musste.

In den USA verloren viele Haus und Hof, an der Börse stürzten die Aktienkurse in die Tiefe, was viele Privatvermögen und auch Pen­sionskassengelder vernichtete. Der folgende Wirtschaftsabschwung kostete Millionen Jobs in vielen Branchen und Ländern, auch in der Schweiz.

Ursache für die Krise waren vier starke Kräfte: Gier, Fehlanreize, Risiko­sucht, Erfolgsblindheit.

Gier: Gewinnen ist alles, dabei sein ist nichts

«Wenn Sie zu uns kommen, machen wir Sie reich – vielleicht sehr reich», so warb Richard Fuld, der Chef von Lehman Brothers, Mitarbeiter an. Natürlich wollten alle nicht nur reich, sondern sehr reich werden. Zwischen 150'000 und 800'000 Bonus pro Jahr lagen für normale Invest­mentbanker drin. Die Chefs selber verdienten Millionen. 1997 stellte Fuld 46 Millionen Dollar für die Bezahlung des oberen Managements zur Verfügung und nur 2 Mil­lionen für die unteren Mitarbeiter. Um nach oben zu gelangen, gingen die Mitarbeiter ans ­Limit.

Manche auch über das Limit ­hinaus: Im März 2002 wird der Lehman-Angestellte Frank Gruttadauria überführt. Er hatte jahrelang Geld von Konten seiner Kunden gestohlen, weit über 100 Millionen Dollar. In seinem Entschuldigungsschreiben machte er die Bank verantwortlich: Sie fördere die Gier und lasse es an Aufsicht mangeln.

Gierig waren die Banker auch auf das Geschäft mit den Hypothekar­papieren. Lange lässt sich damit ­gutes Geld verdienen. Nicht nur Lehman, die meisten Investmentbanken mischen mit. Die UBS ist ein Spezialfall: Die Bank ist lange zurückhaltend mit dem Geschäft, startet aber 2005 eine Aufholjagd und investiert umso mehr in die ­Papiere. Die besten Finanzpapiere waren da längst weg. Die Bank blieb auf einem Berg von – zeitweise – unverkäuflichem Schrott sitzen und musste im Ok­tober 2008 vom Schweizer Staat gerettet werden.

Und heute? Gier ist eine Tod­sünde, aber nicht totzukriegen. ­Zuletzt war Gier ein Faktor bei der Kryptowährung Bitcoin. Sie hatte sich innert Kürze vervielfacht auf einen Wert von fast 20 000 Dollar Ende 2017. Anschliessend fiel der Kurs wieder auf heute rund 7000 Dollar.

Fehlanreize: Meine Provision ist dein Risiko

Es ist immer schwierig, die Löhne von Mitarbeitern, vor allem Boni, mit den Zielen von Kunden, Aktionären, Umwelt und Gesellschaft in Einklang zu bringen. Da driftet immer etwas auseinander. In der Zeit vor dem Crash 2008 driftete es zu weit auseinander. Das Problem ­verbarg sich im US-Hypothekengeschäft. Vermittler erhielten Provi­sionen, mussten aber keine Risiken tragen. Konnten Schuldner nicht bezahlen, war das nicht ihr Problem. Deshalb war es ihnen auch egal, an wen sie vermittelten.

Hypotheken wurden mit vielen Tausend anderen Hypotheken ­zusammengeschnürt, zu einem Finanz­produkt verpackt und an Finanz­investoren verkauft – zu ­ihnen gehörte die UBS. Diese Investoren trugen das Risiko, dass die Schuldner vielleicht die Zinsen für die Hypotheken nicht bezahlen können.

Die Investoren wussten aber gar nicht genau, welche einzelnen Hypo­theken sie gekauft hatten. Sie schauten nur darauf, welche Bonität das Finanzprodukt insgesamt hatte. Die Noten von den Rating-Agenturen waren meist hervor­ragend. Das ist zum Teil darauf zurück­zuführen, dass die Rating-Agenturen die Banken nicht ver­ärgern wollten. Denn die Banken bezahlten die Rating-Agenturen für die Bonitätsnoten auf ihren Finanz­produkten.

Zudem gingen viele davon aus, dass die Immobi­lienpreise weiter steigen würden – sie waren auch so lange gestiegen, dass sich kaum mehr jemand erinnerte, dass sie auch fallen ­können.

Und heute? Zwar werden Boni teilweise nicht mehr sofort aus­gezahlt, sondern erst über einen Zeitraum von einigen Jahren. Das soll langfristiges Denken fördern und exzessive kurzfristige Gewinn­maximierung verhindern. Allerdings schauen die Chefs und die Aktionäre dann oft doch nur auf den Gewinn im nächsten Quartal.

Risikosucht: Lehman Sisters wäre nicht pleitegegangen

Wer mehr Testosteron im Blut hat, geht tendenziell höhere Risiken ein. Deshalb sagte Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds: «Es hätte die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers nicht gegeben, wenn die Bank Lehman Sisters geheissen hätte.»

Studien zeigen aber auch, dass Börsenhändler mit mehr Testosteron im Blut tendenziell mehr Geld erhandeln. Wenn alles gut geht. Wenn es aber schiefgeht, verlieren sie auch viel mehr – das ist dann der Crash. Testosteron macht aggressiver, was sich auch in martialischem Sprachgebrauch manifestieren kann (Richard Fuld sagte: «We are going to war»).

Die Lust am Risiko zeigt sich bei den Banken bei der Eigenkapitalrendite. Wenn eine 100 Mil­lionen Eigenkapital hat und 1 Million ­Gewinn macht, beträgt die Eigen­kapitalrendite ein Prozent. Wenn die Bank aber nur noch 10 Millionen Eigenkapital hat, erhöht sich die Rendite auf 10 Prozent – aber auch das Risiko eines Konkurses. Deshalb verlangen Banken von Privaten ein Eigenkapital von mindestens 20 Prozent für die Vergaben von Hypotheken. Lehman hatte 2008 nicht einmal 3 Prozent Eigenkapital.

Und heute? Testosteron ist noch immer am Ruder in den Banken. Sie müssen heute zumindest mehr Eigenkapital haben. Lange war das Regulierungsziel bei 10 Prozent, schlussendlich wurden 5 Prozent definiert. Die beiden Schweizer Grossbanken sind nur knapp ­da­rüber. Zu wenig, monieren viele. Die Banken haben zwar einiges risiko­reiches Geschäft aus ihren Bilan­zen genommen, aber es ist nicht verschwunden, sondern schlummert in einem Schattenbankensystem. Dieses ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und blieb wenig reguliert.

Erfolgsblindheit: Wie Erfolg in die Katastrophe führt

Richard Fuld war bei Lehman Brothers sehr lange aussergewöhnlich erfolgreich: Von 1995 bis 2005 stieg der Aktienkurs von Lehman Brothers jedes Jahr durchschnittlich um 29 Prozent. Als Lehman 1994 an die Börse geht, beträgt der Gewinn 75 Millionen Dollar. 2005 sind es 3,2 Milliarden Dollar. Fuld hatte sehr viele Mitarbeiter zu Millio­nären gemacht und sich ­selber zum Milliardär. Niemand traute sich mehr, ihn in Frage zu stellen.

Und heute? Vielleicht kommt jetzt jemandem der Name Pierin Vincenz in den Sinn? Zu Recht. Übrigens: Richard Fuld (72) führt wieder ein Finanzinstitut mit zwei Dutzend Angestellten.

Fazit: Die nächste Krise kommti bestimmt, nur einen Namen hat sie noch nicht.