Herr Erni, Sie werden am 21. Februar 106 Jahre alt. Löst diese Zahl etwas Spezielles in Ihnen aus?
Ich denke nicht an meinen Geburtstag und an die Zahl schon gar nicht. Ich musste meine Frau schon mehrfach fragen, ob ich nun 96, 106 oder sonst etwas werde.

Was wünschen Sie sich?
Ich wünsche mir Zeit, um zu arbeiten, und ich möchte noch viele Schaffensmomente er­leben. Ich will durch meine Arbeit etwas bleibend Gutes hinterlassen. Und ich wünsche mir Zeit mit meiner Frau, meinen drei Kindern und meinen drei Enkeln. Das wäre mein Glück.

Bereuen Sie etwas?
Manches. Was das ist, ist mir aber egal. Die zentrale Frage ist, ob man das, was man bereut, repariert hat. Dann hat auch das Bereuen einen Sinn.

Was passiert für Sie nach dem irdischen Dasein?
Ich kann mir den Himmel nicht vorstellen. Denn ich glaube nicht, dass ein Himmel existiert, der ernsthaft richtet oder vernichtet. Meine Gedanken konzentrieren sich ganz auf das Hier und Jetzt.

Wie meinen Sie das?
Dass wir Teil des natürlichen Kreislaufs sind, den wir durch Gedanken, Worte, Bilder entwickeln und verändern können. Jeder muss in seinem Herzen selber entscheiden, ob er echt oder falsch handelt. Wir kommen in die Welt in einer Art, für die wir nicht verantwortlich sind. Aber wir wissen, wie sich Mann und Frau vereinigen und ein Kind kommt. Und ebenso wie das Kind erscheint, verschwindet es eines Tages wieder aus der Realität. In der Zeit, in welcher der Mensch hier ist, kann er nur versuchen, sich und anderen eine gute Realität zu ver­schaffen.

Wie halten Sie es mit Gott und dem Leben nach dem Tod?
Wenn Sie mit Gott das Gute meinen, dann ist das okay für mich. Ich denke, wenn es mich putzt, ist es fertig (lacht laut und herzhaft). Aber ich kann Figuren zeichnen, die mich überleben. Daran heute und hoffentlich auch morgen arbeiten zu können, all das zu machen, was ich will und kann, das bleibt meine Hinterlassenschaft und macht mich zufrieden.

In der Realität wurden Sie in den 40er-Jahren als Kommunist verpönt und gemieden. Wie war das für Sie?
Die Gesellschaft wollte aus mir einen Kommunisten machen und mich so vernichten. Was nicht ganz ge­lungen ist. (Hans Erni lächelt sanft, nimmt dann langsam einen Schluck frisch gepressten Orangensaft.) Ich wurde bekämpft, man wollte mir den Kopf abschlagen, es ging darum, mich still zu machen. Doch ich habe die Bezeichnung Kommunist nie als schlecht angenommen. Ich sehe in dem Wort nichts anderes als die Möglichkeit, dass wir uns in einer Kommune von Menschen befinden. Es geht um das Generelle und nicht um die Details.

Und doch hat es sich für Sie real ausgewirkt: Von Ihnen gestal­tete Banknoten wurden 1949 eingestampft. Das war ein reales Statement.
Daran denke ich überhaupt nicht. Ich habe ja viel erlebt und grosse Aufträge gehabt, so wie eben auch die Banknoten, aus denen dann nichts wurde. Und ich hatte gedacht, ich mache schöne Banknoten mit Inhalten, die gezeigt werden können. Sie hätten meine Philosophie gezeigt.

Was ist denn Ihre Philosophie?
Es geht mir um das Gute. Das Gute im Menschen und in einer Gesellschaft, die sich immer weiterentwickeln muss. Das beginnt bei jedem Einzelnen, der bereit ist, sich zu verändern, und es geht um die sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten, die wir immer wieder neu überdenken und aufbauen müssen. Also weg mit den Grenzen im Kopf! Wir brauchen auch den Dialog, um einander und uns selbst weiterzubringen. Nur so kann sich auch die Welt immer wieder verändern.

Wenn Sie auf das aktuelle Weltgeschehen blicken, wie schätzen Sie die Lage ein?
Viele Menschen zweifeln daran, dass man sich und Situationen ändern kann. Ich selbst zweifle nie daran. Das ist wie mit der Diskussion um die Abschaffung oder Verschiebung von Ländergrenzen. Es wären ja nachher die gleichen Menschen. Die Grundsatzfrage ist immer die gleiche: Hat ein Mensch einen guten Charakter, ist das in Ordnung. Hat einer einen schlechten und kann sich nicht weiterentwickeln und verbessern, dann ist das himmeltraurig. Wir könnten zwar kämpfen, aber das müssen wir mit unserem Geist tun und nicht anders. Das spiegelt sich auch in der Gesellschaft wider, die sich entweder bewährt oder untergeht.

Was ist das grösste Kompliment, das man Ihnen machen kann?
«Sie arbeiten!» Obwohl ich nicht sagen kann, ob die Arbeit zu etwas Gutem oder Schlechtem führt. Aber ich kann kämpfen, um an meine Ziele zu kommen, an denen ich Freude habe.

Sind Sie glücklich?
Eigentlich bin ich selten unglücklich. Obwohl ich ein Unglück immer eine Zeit lang in mir tragen muss. Kont­rolle darüber habe ich aber nicht. Ich kann nur ständig versuchen, das zu machen und zu erfahren, was mich zufrieden macht. Das gibt mir Kraft, weiterhin zu schaffen. Es ist immer ein Grübeln und Suchen und Finden, bis ich ein Bild erschaffen habe, das in seiner Art und Ausstrahlung gut, kraftvoll, harmonisch und schön ist.

Welches sind Ihre Farben?
Die Farbe kann sein, wie und was sie will. Es geht um die Wirklichkeit, realistisch oder verfremdet.

Ist Ihnen eine Farbe am nächsten?
Ich kann nicht sagen, ob es das Blau vom lieben Himmel ist, denn der Himmel spielt für mich keine Rolle, wie die Hölle auch nicht. Ich glaube an die Welt, die man zum Guten oder auch zum Schlechten ändern kann.

Sie zeichnen viele Akte. Suchen Sie den perfekten Körper?
Es ist viel mehr die Geschichte des Lebens. Wir kommen nackt, wir gehen nackt. Und es ist die Idee der Schönheit. Diese wechselt ständig und auch sie ist nicht ewig.