Stolz kündigte das Schweizer Fernsehen diese Woche sein neustes Projekt an: Am 20. Mai darf Sandra Studer (48) durch die Tanzshow «Darf ich bitten?» führen. Elf Jahre nach dem Start der RTL-Show «Let's Dance» und sogar zwölf Jahre nach «Dancing Stars» im ORF lässt nun auch SRF eine Handvoll Prominente das Tanzbein schwingen. «Tanzen gehört wie Singen, Zaubern und Comedy zum Genre der Unterhaltung», sagt SRF-Unterhaltungschef Christoph Gebel (57). «Im Rahmen von ‹Die grössten Schweizer Talente› hatten wir immer wieder sehr schöne und bildstarke Tanzauftritte, und das brachte uns darauf, dem Thema Tanz eine eigene Show zu widmen.»

Was bei der Ankündigung der Sendung auffällt: Nachdem SRF dem Samstagabend mit Viola Tami (35, «Ich schänke dir es Lied») erst kürzlich eine Verjüngungskur verpasste, setzt man jetzt schon wieder auf das alte Personal. RTL lässt bei «Let's Dance» frische Protagonistinnen wie Sophia Thomalla (27), Sila Sahin (31) oder Magdalena Brzeska (38) antanzen – doch SRF kramt seine Allzweckwaffe hervor. Moderatorin Sandra Studer präsentierte von 2002 bis 2012 bereits den «Swiss Award». Und auch bei den Tänzern gibt es keine Überraschung: Sängerin Maja Brunner (65), Schauspielerin Susanne Kunz (38) und Musiker Michael von der Heide (45) gehören schon fast zum fixen Ensemble von SRF.

Harsche Kritik von Frank Baumann

Fällt dem Schweizer Fernsehen denn überhaupt nichts Neues ein? «Bei SRF fehlt es generell an Mut, Kreativität und Innovation», kritisiert der Werber und ehemalige TV-Star Frank Baumann (59). «Und das finde ich überaus bedauerlich.» Man wisse bei SRF immer, was einen erwartet. «Man wird nie überrascht. Es gibt kaum Aufreger, egal, wann man einschaltet.»

Tatsächlich kopiert SRF regelmässig internationale Sendungen: «Ich schänke dir es Lied», «Die grössten Schweizer Talente», «Mini Beiz, dini Beiz», «Jobtausch» und gleich drei Quizsendungen sind allesamt lizenzierte Formate, die vom SRF «eingeschweizert» wurden. Für den früheren Erfolgsregisseur Max Sieber (73, «Verstehen Sie Spass?») ist der Aufguss alter Formate zwar legitim: «Es spricht nichts dagegen, frühere Elemente zeitgemäss zu präsentieren. Gut geklaut ist immer besser als schlecht erfunden.» Trotzdem bemängelt er: «Es gibt generell zu wenig Glanz und Glamour und zu viel Geheule in den Shows von SRF.»

2016 war quotenmässig ein Rekordjahr

Sieber meint Trändendrüse-Sendungen wie «Happy Day», ein Ableger von «Melodien für Millionen» von Dieter Thomas Heck (79). Oder eben auch die neue Herzschmerzshow «Ich schänke dir es Lied» mit Viola Tami (35). «Viola ist zwar ein frisches Gesicht in dieser Show. Aber grundsätzlich gibt es für mich zu viele Kranke und Verlorene im Programm von SRF», meint auch TV-Idol Sepp Trütsch (67). «Ich möchte einfach wieder mal herzhaft lachen können, wenn ich den Apparat einschalte.»

Diese Kritik lässt SRF-Mann Gebel nicht gelten und verweist auf den Erfolg seiner Sendungen: «2016 war quotenmässig ein Rekordjahr für die Unterhaltung von SRF», sagt er. «Vor allem der Samstagabend performte so stark wie lange nicht mehr – mit einem Jahresschnitt von über 33 Prozent Marktanteil.» Der Mix aus Emotionen, Schweizer Musik, Events, Quiz und erfolgreichen Co-Produktionen komme beim Publikum sehr gut an, behauptet er. Dabei sticht vor allem «Happy Day» (47 Prozent Marktanteil dieses Jahr) hervor. Doch Frank Baumann hält Zuschauerzahlen nicht allein für massgebend: «Bei der SRF-Unterhaltung kommt es mir vor wie bei einem durchschnittlichen Fussballspiel. Man tschuttet nicht schlecht, aber dennoch ist es oft eher langweilig», sagt er.

Vielleicht fehlt heute ein bisschen der Mut

Was würde es brauchen, um quotenstarke Sendungen zu machen, die auch wirklich gute Eigenkreationen sind? Marco Stöcklin (65), früherer Unterhaltungschef bei SRF und verantwortlich für Hitkisten wie «Benissimo», erinnert sich: «Wir waren damals in der glücklichen Lage, dass wir kreative Leute mit viel Erfindergabe bei uns hatten, die innovative Sendungen auf die Beine stellten.» Damals sei man vielleicht auch ein bisschen mutiger gewesen.

Nicht, dass SRF überhaupt keine Eigenentwicklungen macht: «Jetzt oder nie – Lebe deinen Traum», «100 % Schweizer Musik», «Hello again!», «Meine fremde Heimat» oder «Verkehrte Welt» sind alles solche. «Die Strategie, für alle Zuschauer etwas anzubieten, geht voll auf», sagt TV-Mann Gebel. Er verneint, dass die neue Tanzshow ein Abklatsch der ausländischen Hitsendungen wird: «Für uns war es wichtig, eine typisch schweizerische Eigenentwicklung zu kreieren. Wir sind überzeugt, dass es auch bei uns sehr viele tanzinteressierte Leute gibt, die Freude an dieser Sendung haben werden.»