Die Klima-Teenies wollen zusammen mit ihrem Idol Greta von Lausanne aus die Welt retten. Nur: Die einen wollen arbeiten, die anderen über Gefühle reden. Auch am Veranstaltungsort Schweiz haben Klimagipfel-Teilnehmer was auszusetzen.
Fabienne Kinzelmann
Die europäische Klimajugend musste sich am dritten Gipfeltag mit Problemen beschäftigen, die sie hoffte, nie zu haben.
Fabienne Kinzelmann
Greta Thunberg hört aufmerksam zu, was die anderen Teilnehmer beschäftigt.
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Die Teilnehmer machen Handzeichen, wenn sie zustimmen wollen oder etwas ablehnen.
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Doch bildet jemand mit den Händen ein Haus, bedeutet das: Ich fühle mich unwohl. Dann wird die Diskussion unterbrochen.
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Uneins sind sich die Teilnehmer auch darin, ob sie künftig radikaler auftreten wollen – wie die Klimaschützer von «Extinction Rebellion».
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Nicht einig sind sich die Teilnehmer auch über die Frage, ob sie den Kapitalismus nun abschaffen wollen oder lieber doch nicht.
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Verzichtet lieber auf einen hübschen Lebenslauf als auf eine lebenswerte Umwelt: Corinna (16) aus Deutschland.
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Seit Monaten dreht sich bei ihr nur noch alles ums Klima.
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Andres (22) aus Beirut musste nach Lausanne fliegen – allerdings nur, weil er sonst nicht über die Grenze gekommen wäre.
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Bea (21) ist schon vor der Greta-Bewegung in den Flugstreik getreten. Mittlerweile geht sie auch nicht mehr shoppen.
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Mattia (18) aus Italien geht seit Januar jeden Freitag auf die Strasse.
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Beim Klimagipfel «Smile for Future» in Lausanne tauschen sich die Jugendlichen aus ganz Europa aus.
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Das grosse Vorbild: Greta Thunberg – hier am Morgen des zweiten Gipfeltags.
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Greta will in Lausanne das sein, was sie lange nicht mehr war: ein ganz normales Mädchen.
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Mit schwedischen und italienischen Teilnehmern diskutiert sie über die «Fridays for Future»-Bewegung.
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Insgesamt nehmen rund 450 Teilnehmer aus 37 Ländern am ersten «Smile for Future»-Klimagipfel teil.
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«Es war unglaublich, die Anreisen aus allen Ecken von Europa mitzuverfolgen»: Bea (22), Medizinstudentin aus Winterthur.
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Greta Thunberg ist die berühmteste Teilnehmerin.
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Weil die Teilnehmer emissionsfrei anreisen wollten, nahmen sie lange Strecken in Kauf.
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Die Junge SVP nennt Greta «brandgefährlich» – darüber kann die Schwedin nur lachen.
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Die Klima-Ikone hat namhafte Unterstützung – zum Beispiel von Nobelpreisträger Jacques Dubochet...
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...und vom deutschen Umweltwissenschaftler und Politiker Ernst von Weizsäcker (rechts).
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So begann alles: Im August 2018 beschloss Greta, jeden Freitag die Schule zu schwänzen und stattdessen vor dem schwedischen Parlament zu demonstrieren.
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«Unser Haus brennt»: Im Dezember 2018 sprach sie auf der UN-Klimakonferenz in Polen.
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Beim WEF in Davos war die 16-Jährige der heimliche Star.
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Auch in Davos streikte sie fürs Klima.
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Thunberg hat zahlreiche prominente Unterstützer: Im Dezember 2018 traf sie den Ex-US-Vizepräsidenten Al Gore.
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Juni 2019: Klimaaktivistin Greta Thunberg und Ex-US-Präsident Barack Obama.
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April 2019: Greta im Vatikan.
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Terminator trifft Klimaaktivistin: Arnold Schwarzenegger und Greta im Mai 2019 in Wien.
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Die beiden nahmen an einer Klimakonferenz in Österreich teil.
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Juni 2019: Klimaaktivistin Greta Thunberg und US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez auf dem Cover von «The Guardian Weekend» – getroffen haben sie sich allerdings nicht persönlich.
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Am 23. Juli sprach Thunberg vor der französischen Nationalversammlung in Paris.
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Januar 2019: Klimaaktivistin Greta Thunberg trifft Tierforscherin Jane Goodall.
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Auch für sie gibt's Küsschen: Der scheidende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker busselt.
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Die beiden trafen sich im Februar in Brüssel.
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28. Mai 2019: Klimaaktivistin Greta Thunberg und UNO-Generalsekretär Antonio Guterres am R20 Austrian World Summit in Wien.
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In einem Interview nahm Greta Stellung zu dem Mythos, sie vertrete die Interessen «grüner Kapitalisten»: «Ich persönlich finde das sehr lustig. Ich habe noch nie einen Klimaaktivisten getroffen, der sich in diesem Kampf wegen des Geldes engagiert. Die Idee ist absurd und sehr lustig.»
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Belege für eine systematische PR-Kampagne ihrer Eltern oder Dritter gibt es nicht.
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Beim WEF im Januar traf Greta auch auf IWF-Chefin Christine Lagarde.
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Thunberg mit dem Präsidenten der französischen Nationalversammlung in Frankreich.
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Im nordfranzösischen Caen nahm Thunberg Ende Juli den «Prix Liberté» entgegen.
Fabienne Kinzelmann

Schon am dritten Tag liegen bei den Klima-Teenies die Nerven blank. Die Unzufriedenheit unter den Teilnehmern des «Smile for Future»-Klimagipfels in Lausanne ist förmlich zu spüren. Journalisten werden gebeten, den Raum zu verlassen. Die europäische Klimajugend will unter sich sein, wenn sie sich zofft und über ihre Probleme redet.

Und das sind offenbar viele.

Am heftigsten knallt es vor dem Saal. Ein Mädchen mit pinken Haaren stürmt raus, bricht heulend zusammen. Ein anderes setzt sich trotzig im Schneidersitz vor die Tür. Sie halte es da drinnen nicht mehr aus, erklärt sie. Nach und nach kommen weitere Teilnehmer dazu, knien neben ihr. Auch Greta Thunberg. Sie hört aufmerksam zu. Als das Mädchen in Tränen ausbricht, zögert Greta nicht, umarmt und tröstet sie.

Die Tränen und Zusammenbrüche zeigen: Beim Strategietreffen in Lausanne stösst die europäische Klimajugend an Grenzen. Die Atmosphäre ist angespannt. Diese Punkte sorgen bei den Klima-Teenies für Riesen-Zoff:

1. Sie sind sich nicht einig, wie radikal sie sein wollen

Frust hat sich aufgestaut. Seit sieben Monaten gehen die «Fridays», wie sich die Teilnehmer der «Friday for Future»-Bewegung nennen, für den Klimaschutz auf die Strasse. Doch die Ergebnisse ihres Engagements werden nur langsam sichtbar. Viele fragen sich, ob sie stärker provozieren müssten – und sogar Gesetze brechen, wie es die Klimaschutz-Extremisten von «Extinction Rebellion» machen.

2. Nicht alle wollen den Kapitalismus abschaffen

In Lausanne diskutieren die Kinder und Jugendlichen, wie sie die perfekte Gesellschaft sehen. Für viele ist klar: Unsere Wirtschaft ist böse. Ein deutscher Teilnehmer kommt begeistert aus einer Diskussionsrunde mit der Wirtschaftsprofessorin Julia Steinberger: «Der Konsens ist: Kapitalismus muss weg.» Doch so einfach ist es nicht. Ein anderer Teilnehmer hat die Diskussion völlig anders wahrgenommen: «Die polnischen Teilnehmer finden das mit der Geschichte ihres Landes gar nicht lustig, wenn Deutsche und Franzosen in Richtung Kommunismus wollen.»

3. Sie wissen nicht, was sie fordern wollen

Noch immer ist unklar, was am Ende des Klimagipfels stehen soll: ein Strategiepapier? Ein Forderungskatalog? Die Teilnehmer sind in dieser Frage hoffnungslos zerstritten. Am Montag gab es kurzzeitig mehr als 30 Forderungen. Viele davon sind extrem spezifisch und beinhalten konkrete Massnahmen und Klimaziele. Das Problem: Die Forderungen sollen europaweit gelten und von allen Teilnehmern mitgetragen werden.

4. Die Schweiz passt ihnen nicht

Zu teuer und nicht in der EU: Das nervt viele der rund 450 Teilnehmer, die aus 37 Ländern angereist sind. «Für Teilnehmer aus Osteuropa ist es sogar teuer, sich etwas im Supermarkt zu kaufen», erzählt eine österreichische Teilnehmerin. Sie selbst sei zwar auch mit Brot und Marmelade zufrieden, aber das Essen auf dem Gipfel sei aus Budgetgründen nicht besonders abwechslungsreich. Das sorgt für Frust bei den Jungen, die ihre Woche hier trotz der Arbeit geniessen wollen. Und: Weil es im Gegensatz zur EU Roaming-Gebühren gibt, können die Klima-Teenies in Lausanne kein mobiles Internet nutzen.

5. Die Diskussionskultur kostet Zeit und Nerven

«Es ist schon schön, dass jeder immer über seine Gefühle reden kann», kommentiert ein Schweizer Teilnehmer. «Ich verstehe aber auch, dass andere mehr arbeiten wollen.» Die Krux: Die Graswurzelbewegung will, dass jeder gleichermassen zu Wort kommt. Nicht immer klappt das – auch hier gibt es Teilnehmer, die nach vorne drängen. Das führt bei sensibleren Teilnehmern zu Unmut. Und: Sobald jemand mit den Händen ein Dach über dem Kopf formt, bedeutet das «Ich fühle mich unwohl». Dann darf er sofort darüber sprechen – selbst im Plenum mit rund 450 Teilnehmern.

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