Herr Vega, Sie verwalten als Manager heute eine Milliarde Franken an Kundengeldern. Wie schwer war es, als ehemaliger Fussballer in dieses Business zu kommen?
Ramon Vega: Es war sehr hart. Erst mal bist du als Fussballer gewohnt, mal mittags Richtung Training zu gehen. Alles wird dir über Jahre nachgetragen. Und plötzlich arbeitest du dann von 7 Uhr morgens bis 21 Uhr abends im Büro. Als Fussballer lebst du in einer Blase, in einer Traumwelt, und dann beginnt plötzlich die Realität.

Gut, aber Sie hätten als ehemaliger Tottenham-Spieler nie mehr arbeiten müssen.
Das würde weder zu mir noch zu meiner Herkunft passen. Meine Eltern arbeiteten hart – und verfolgten in ihrem Leben immer grosse Ambitionen. Deshalb war es für mich klar, dass ich mich auch im Berufsleben etablieren wollte. Viele, die das nicht schaffen, fallen in ein tiefes Loch, die Absturzgefahr ist sehr gross. Und das Schwierige am Anfang für mich war, dass dich erst mal keiner für voll nimmt als ehemaliger Fussballer – intellektuell gesehen. Wenn einer aus Cambridge kommt, muss er viel weniger um Kunden kämpfen. Mein Glück war, dass ich als GC-Spieler eine Lehre bei der Credit Suisse beenden durfte.

Das machen heute nicht mehr viele junge Fussballer.
Und das ist ein Fehler. Natürlich war es hart, drei-, viermal die Woche mit dem Trämli 4 zum Escher-Wyss-Platz zu fahren neben dem Training. Wenn wir am Sonntagabend spielten und am Montagmorgen um 8 Uhr in die Lehre mussten, ging das an die Substanz. Aber die Lehre plus die Beziehungen, die ich vor allem als Spieler bei Tottenham Hotspur machte, waren Gold wert. Vor 18 Jahren kaufte ich mich mit zwei anderen Bänklern in einen Hedge-Fund ein, inzwischen beschäftigen wir 15 Mitarbeiter.

Ramon Vega machte als Finanzberater in England Karriere.  (Thomas Buchwalder)

Haben Sie mehr als Fussballer oder als Geschäftsmann verdient?
Eine gute Frage. Ich weiss es nicht. Heute verdient man das 10- bis 15-Fache. Ich war immer konservativ, habe Wohnungen gekauft. Erst eine eigene, dann habe ich in Immobilien investiert.

Die Spieler kosten heute auch das 10- bis 15-Fache. Neymar ging für 222 Millionen Euro von Barcelona zu Paris SG.
Und das ist erst der Anfang. Es wird die Zeit kommen, da kosten Spieler zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Ablöse. Es gibt mir zu denken, dass dieser ganze Horizont nicht limitiert ist, dass die Schere zwischen den reichen Ligen und den ärmeren immer weiter auseinandergeht. Irgendwann droht da ein grosser Chlapf.

Es ist aber auch krass, wenn die englischen Klubs im Schnitt um die 165 Millionen Franken alleine an TV-Geld bekommen.
Ja, es ist unfair. Aber plötzlich wird Leicester Meister, das macht mir Hoffnung, dass der Fussball immer wieder trotzdem solche Märchen schreibt.

Die Schweiz spielt am Dienstag in Leicester. Wie verfolgen Sie in London unsere Mannschaft?
Ich erlebte ja den langsamen Aufbau selber, als ich die EM 1996 mitspielen durfte. 1994 mit der WM-Qualifikation waren wir wieder auf der Landkarte des Fussballs, und dann wurde sehr gut in die Jugendarbeit investiert. Es ist sehr gut gearbeitet worden, aber die WM in Russland war ein Rückschlag.

Inwiefern?
Vieles hängt am Doppeladler. Ich war schockiert über jenen Jubel. Ich bin Doppelbürger, Schweizer und Spanier, habe Sympathien für beide Seiten, wuchs zu Hause Spanisch auf. Mein Name ist Spanisch. Aber mir wäre es völlig egal gewesen, wenn ich gegen Spanien gespielt hätte. Dann gebe ich mein Blut für die Nati. Weil die Schweiz mein Land ist. Auf dem Fussballfeld haben solche Gesten nichts verloren. Politik ist im Fussball tabu. Und die Aufarbeitung war auch nicht viel besser.

Ex-Nati-Star Vega sagt: «Die WM in Russland war ein Rückschlag.»  (imago/Magic / imago sport)

Was stört Sie besonders?
Die oberste SFV-Riege hat eine schlechte Figur gemacht. Ich hatte das Gefühl, man will alles unter den Teppich kehren. Du musst doch mit den Spielern im Vorn­hi­n­ein reden und es nachher aufarbeiten. Ich habe nicht das Gefühl, dass das passiert ist. Darum ist es gut, wenn Bernhard Heusler und seine Firma den ganzen Laden jetzt durchleuchten.

Wie sehen Sie Trainer Vladimir Petkovic?
Er hat es sicher verpasst, auf die Emotionen rund um das Serbien-Spiel hinzuweisen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass zwei, drei Sitzungen durchgeführt wurden. Und ja, gegen Schweden war man emotional nicht bereit. Das wäre die Aufgabe des Trainers.

Ihre Eltern kamen als Flüchtlinge vor dem Franco-Regime in die Schweiz. Verspürten Sie damals Rassismus?
Ja, man spürte immer, dass man der Spanier ist und der Italiener der «Tschingg». Man spürte eine gewisse Ablehnung. Vor 30 Jahren war es aber noch mehr verdeckter Rassismus. Der Fussball hat mich eingeschweizert. Mit der Schweizer Fahne, mit dem Schweizer Kreuz. Ich bin stolz auf dieses Land. Und freue mich, als Oltner heute die Schweiz zum Beispiel manchmal bei der BBC zu vertreten.

EM 1996: Ramon Vega (hier gegen Paul Ince) und die Schweiz holen im Eröffnungsspiel im Wembley gegen England ein 1:1.  (Keystone / Lynne Sladky)

Wie sehen Sie das Nati-Duell gegen England?
Die englische Nationalmannschaft gefällt mir gut – und sie wird noch besser. Aber von der Jugendarbeit her steht England hinter der Schweiz. So drei, vier oder fünf Jahre. Aber mit diesem Spielermaterial können die Engländer an der WM 2022 ein Mitfavorit sein, gerade nach der diesjährigen WM-Halbfinal-Qualifikation.

Ihre Lieblingsspieler bei den Engländern?
Harry Kane, Dele Alli, Kieran Trippier von meinem Ex-Klub Tottenham natürlich. Trainer Gareth Southgate setzt auf junge Spieler, das gefällt mir.

Wie sehen Sie als Ex-Tottenham-Spieler die Leistungen von Granit Xhaka beim ungeliebten Nordlondoner Konkurrenten Arsenal?
Der englische Fussball ist recht hart für Ausländer. Xhaka kam als Leistungsträger, das erzeugte grossen Druck in den Medien, und die sind sehr kritisch mit ihm. Aber wenn du mit Arsenal zweimal auf Platz 6 stehst, dann reicht das halt auch nicht. Er muss sich jetzt beweisen, er hat eine wichtige Saison vor sich.

Vega zu Xhaka: «Er muss sich jetzt bei Arsenal beweisen.»  (AP)

Und Xherdan Shaqiri?
Er ist ein talentierter Spieler, aber in den grossen Klubs ist er nie Stammspieler gewesen. Von den Anlagen her könnte er es bei Liverpool schaffen. Seine Chance wird mit der Doppelbelastung kommen. Aber er muss sie nutzen. Für mich ist Liverpool ganz heiss auf den Meistertitel. Dass er dahin wechseln konnte, ist ein Traum. Denn Liverpool steht im Moment leistungsmässig ganz klar über Arsenal.

Sie stehen auch für rauschende Champions-League-Nächte mit GC. Der Niedergang des Rekordmeisters muss Ihnen wehtun.
Jenes GC, das ich verliess, existiert nicht mehr. Das schmerzt sehr. Ich habe mit Pascal Zuberbühler, Mats Gren und Marcel Koller manchmal noch Kontakt. Es war eine schöne Zeit damals.

Wie oft sind Sie noch in Olten?
Ich hoffe, ich schaffe es Ende September, um alte Schulkollegen und meinen Bruder zu treffen. Ja, die Schweiz vermisse ich schon.