Die Uhren werden erst am 28. Oktober umgestellt, doch in fussballerischer Hinsicht ging die Sommerzeit im Vereinigten Königreich schon Samstagabend zu Ende. Stück für Stück schwanden während der 1:2-Niederlage gegen Spanien im Wembley-Stadion die Reste der nationalen WM-Begeisterung; der Schlusspfiff brachte zwar keine Pfiffe, jedoch die alte, beklemmende Gewissheit, dass die Männer mit den drei Löwen auf dem Trikot weiterhin nicht in der Lage sind, die besten Teams der Welt zu schlagen.

«Harte Landung: Spaniens Klasse lässt Englands Blase platzen», titelte die «Sunday Times» ernüchtert. Trainer Gareth Southgate hatte im Vorfeld der Nations-League-Partie bereits gewarnt, dass der umjubelte Einzug in den Halbfinal in Russland nur der Auftakt von Englands Renaissance sein dürfe, nicht der grösste Erfolg der jetzigen Generation.

Die Spanier dämpfen die Euphorie der Engländer.  (KEY)

«Der Sommer war für uns alle sehr schön, aber jetzt geht es darum, besser zu werden», forderte der 48-Jährige. Er erinnerte daran, dass die Auswahlspieler Ihrer Majestät schon seit Ewigkeiten hinter der internationalen Spitze hinterherlaufen. In den grossen Turnieren der vergangenen vierzig Jahre konnte man allein Deutschland (2000) und Argentinien (2002) besiegen.

Spanier individuell überlegen

Gemessen an den technischen Defiziten, die bei der ersten Heimpleite in einem Pflichtspiel seit 2007 offenbar wurden, dürfte es noch ein bisschen dauern, bis Southgates ambitionierter Plan einer spielerischen Kulturrevolution aufgeht. Sein England soll den Ball angefangen von Torwart Jordan Pickford mutig und flach nach vorne passen. Das gelang auf ganz wunderbare Weise beim exquisit vorgetragenen Angriff zum 1:0 (Marcus Rashford, 11.), aber weder der Vorsprung noch der konsequente Ballbesitzfussball der Hausherren überdauerte die Anfangsphase.

Luis Enrique kann schlicht auf bessere Einzelspieler zurückgreifen.  (Getty Images)

Luis Enriques individuell überlegenes Team glich durch Saul Niguez aus (13.), ging nach einem Freistoss in Führung (Rodrigo, 32.) und liess die restlichen 60 Minuten den Ball mit aufreizender Leichtigkeit kreiseln. Wie schon gegen Kroatien in Moskau gelang es England nicht, die Kontrolle zurückzuerlangen, da Southgates 5-3-2-System (ohne Ball) zu Passivität neigt. Mit fünf Männern am eigenen Strafraum konnte die Elf keinen Druck auf den Spielaufbau der Spanier ausüben.

Dank einer Energieleistung zum Ende der um neun Minuten überzogenen Partie – Linksverteidiger Luke Shaw (ManUtd) wurde wegen einer Kopfverletzung lange behandelt – wäre England fast noch der Ausgleich gelungen. Southgate gab zu, dass selbst ein Remis nichts an den Kräfteverhältnissen auf dem Platz geändert hätte. «Wir waren im Pressing etwas konfus, das geht nicht gegen Spieler, die sich auf engstem Raum befreien können. Sie sind absolute Spitzenklasse darin, den Ball zu halten.»

Englands Mittelfeld technisch zu limitiert

Verglichen mit den Grosskünstlern Thiago (Bayern München), Sergio Busquets (Barcelona) und Isco (Real Madrid) werkelten in Englands Zentrale mit Henderson, Lingard und Dele Alli brave Arbeiter. Abermals wurde ersichtlich, dass Southgates Grundidee des Kurzpassspiels das bestehende Personal vor existenzielle Probleme stellt.

Coach Gareth Southgates Taktik mit viel Ballbesitz lässt sich schwer umsetzen.  (Getty Images)

Solange das Land zwar gute Abwehrspieler und Stürmer von internationalem Format, aber keine feinfüssigen Regisseure produziert, überfordern des Trainers Prinzipien die tatsächlichen Möglichkeiten. Nach Belgien und Kroatien an der WM entblösste nun auch Spanien dieses Dilemma. Vor lauter Hilflosigkeit ging die Linie verloren, zu viele Bälle wurden hoch und weit nach vorne gedroschen.

Southgate weiss: Seine Probleme sind nicht nur der mangelnden Qualität am Ball geschuldet, sie sind auch quantitativer Natur. In der aktuellen Premier-League-Saison kamen bisher nur 113 englische Spieler zum Einsatz, das entspricht gerade mal 31 Prozent aller Erstliga-Profis. Im Vergleich mit den anderen Nationen der fünf grossen europäischen Ligen weist England die mit Abstand kleinste Zahl von Elite-Spielern aus.

Sachliche Debatte immerhin ermöglicht

Die Finanzstärke der Premier League verringert die Einsatzmöglichkeiten der einheimischen Kicker Jahr für Jahr, gerade junge Spieler haben kaum eine Chance, in die Top-Kader vorzurücken. Die Einrichtung einer U23-Liga stellt wegen ihres mangelnden Wettbewerbscharakters keinen vernünftigen Ausgleich her, weswegen der Nationaltrainer laut über die Teilnahme von zweiten Mannschaften in den unteren Ligen nachdenkt. Das wiederum wäre jedoch den unterklassigen Teams ein Dorn im Auge, und in der Premier League herrscht ebenfalls wenig Appetit für Veränderung.

Sympathieträger: Englands Trainer Gareth Southgate (r.) hat es geschafft, die Debatte um die Nationalmannschaft zu versachlichen.  (AP)

Southgate bleibt so weiter auf sich allein gestellt. Immerhin hat er es mit seiner sympathischen, ruhigen Art geschafft, die Debatte zu versachlichen. In den nächsten Monaten wird viel über die strukturellen Nachteile der Nationalmannschaft geredet werden, nicht mehr wie früher über den angeblich mangelnden Patriotismus der ach so verhätschelten Jungmillionäre. Zumindest diesen wichtigen Kampf hat er gewonnen.