Wenn ich ans Steinli denke, bekomme ich noch heute Hühnerhaut. Ich war knapp vier, als ich das erste Mal das Trikot des FC Möhlin tragen und auf jenem Platz spielen durfte. Das Steinli ist bis heute mein liebster Sportplatz auf der ganzen Welt. Ich bin unheimlich stolz, «Möhlemer» zu sein. Ich bin « Möhlemer » zu 100 Prozent. Ich sage das unglaublich gern.

Es begann alles im kleinen Aargau – heute darf ich im grossen WM-Final von Moskau spielen. Ich kann es immer noch nicht fassen, es ist alles so unbeschreiblich. Wenn Gott will, halte ich heute Nachmittag den WM-Pokal in Händen. Wenn ich an diese Möglichkeit denke, wird mir fast anders.

Mit sieben, acht Jahren wechselte Rakitic zum FC Basel.  (zVg)

Die Schweiz hat dabei einen grossen Anteil, dass ich heute für den FC Barcelona und um den WM-Titel spielen darf. Drei Trainer und Menschen aus meiner Jugend sind für mich besonders wichtig. Als ich mit sieben, acht Jahren zum FC Basel kam, war Stefan Hirschi mein erster Trainer. Es folgten Remo Gaugler und Werner Mogg, die beide noch heute beim FCB sind. Diese drei waren mit Abstand meine besten Trainer bei den Junioren. Ich möchte ihnen hier auf diesem Weg danken für die Zeit, die sie sich für mich genommen haben. Sie werden immer ein Teil meines Lebens sein – und ein Stück des WM-Pokals würde ihnen gehören.

Ich bin beim FC Basel wie beim Schweizerischen Fussballverband unglaublich gut gefördert worden. Beide haben einen grossen Anteil an meiner Karriere. Meine Mannschaft ist und bleibt der FCB , ich war dort sogar als Ballbub stolz. Und ein grosser Teil von mir ist Schweizer.

«Meine Mannschaft ist und bleibt der FCB.»  (Sven Thomann)

Ich bin stolz auf jede Minute im Schweizer Nati-Dress, auf die ganzen fünf Jahre. Und ich bin stolz auf meinen Schweizer Pass. Das wird immer so sein.

Den WM-Titel würde ich meinen Töchtern widmen

Mein Vater war Gipser, kam als Saisonnier in die Schweiz nach Möhlin. Wir wurden sehr katholisch erzogen. Und Glaube ist für mich auch heute sehr wichtig. Ich habe mir sogar ein Kreuz und einen Rosenkranz auf die Arme tätowiert.

Beide Arme sind tätowiert.  (Stefan Bohrer)

Darunter trage ich ein Tattoo der Geburtstage meines Vaters, meiner Mutter, meines Bruders und meiner Schwester. Und zwei Sätze auf Spanisch: «Die vereinte Familie wird niemals besiegt werden.» Und: «Raquel, Du bist meine Gegenwart, Du bist meine Zukunft, Du bist das Beste, was mir je passiert ist.»

Deswegen würde ich ihr und meinen Kindern Althea (5) und Adara (2) auch den WM-Titel widmen. Die Grosse hatte vergangene Woche Geburtstag, während der WM. Für jeden Papa der Welt sind die Kinder alles, ich werde mit vielen Geschenken kommen und ein grosses Fest machen und ab nächster Woche vieles mit der Familie nachholen. Eine WM ist schön, und im Moment sind wir in Tagen voller Euphorie. Aber gegen sieben Wochen unterwegs zu sein, das ist auch eine lange Zeit.

Die Familie Rakitic.  (Instagram)

Ich werde alles dafür tun, dass ich ihnen den WM-Pokal zu Hause in Barcelona zeigen darf. Meine Frau und meine Kinder, sie bedeuten mir alles in meinem Leben.

Sie liess mich ein halbes Jahr lang abblitzen

Meine Frau und ich, es ist eine Story wie in Hollywood. Ich wechselte von Schalke zu Sevilla, sass mit meinem Bruder Dejan am Abend an der Hotelbar. Kurz davor war ich im Zimmer, aber weil ich am nächsten Tag unterschreiben sollte, konnte ich aus Nervosität nicht schlafen, wir entschieden uns für einen Drink.

Rakitics Familie: Papa Luka, Enkel Lionel und Bruder Dejan.  (Toto Marti)

Und da servierte sie uns die Getränke, diese wunderschöne Frau. Ich sagte zu meinem Bruder, dass ich sie heiraten würde. Er lachte sich kaputt.

Über ein halbes Jahr lang liess sie mich abblitzen, sie müsse nebenher studieren, sie habe keine Zeit, hatte immer eine Ausflucht. Bis ein Freund von mir mich anrief, weil er sie in Privatkleidern entdeckt hatte. Ich fuhr sofort hin, sagte ihr: «Fertig mit den Ausreden, jetzt gehen wir essen!» Seit jenem Abend sind wir ein Paar.

Raquel und Ivan bei ihrer Hochzeit.  (Instagram)

Raquel gibt mir unvorstellbar viel Kraft. Gerade auch während einer so langen Zeit wie einer WM ist so ein Halt für einen Spieler sehr wichtig. Auch wenn es sein könnte, dass in den nächsten Jahren mal ein kleiner Beziehungstest ansteht: Vielleicht steht ja irgendwann die Entscheidung an, ob ich zum FC Basel oder in ihre andalusische Heimat zurück zum FC Sevilla wechsle – das könnte harte Diskussionen geben …

Vielleicht bringe ich den Pokal nach Möhlin

Wir haben uns diesen WM-Final heute als Mannschaft verdient. Wie wir zusammen auf dem Platz stehen. Wie wir zusammen ausserhalb des Platzes miteinander umgehen. Der Zusammenhalt ist sensationell, es passt einfach alles zwischen uns. Wir haben das ganze Land schon richtig stolz gemacht. Aber jetzt wollen wir den ganz grossen Schlag landen und den Pokal nach Kroatien bringen.

Heute am frühen Abend steigt für uns alle das Spiel der Spiele. Luschniki-Stadion, 80'000 Zuschauer, WM-Final, vielleicht eine Milliarde vor dem Fernseher. So etwas gibts höchstwahrscheinlich nur einmal im Leben.

In der Vorbereitung des Spieltags ändert sich nicht allzu viel für mich. Jetzt, wo wir diese Zeilen gemeinsam zu Papier bringen, sitze ich gerade beim Kaffeetrinken im Hotel. Wir Kroaten versuchen, entspannt zu bleiben.

Entspannen im Café.  (Stefan Bohrer)

Am Matchtag bin ich relativ gelassen. Erst schlafe ich gut aus, spreche mit Teamkollegen, wir haben Mannschaftssitzung. Nach dem Mittagessen schlafe ich nochmals ein wenig, lagere danach die Beine hoch, dusche nochmals, bevors ins Stadion geht – und zum Start des Spiels, dann bin ich bereit. Einen Sieg würde ich mit der kroatischen, der spanischen und der Schweizer Flagge feiern. Ich hoffe, dass die ganze Schweiz mit Kroatien mitfiebert.

Und vielleicht komme ich nach der WM bald wieder nach Möhlin . Ins Steinli . Und wer weiss: Vielleicht habe ich ja sogar den WM-Pokal dabei.

Aufgezeichnet: Andreas Böni