Kroatien ist im Ausnahme­zustand. Das Land steht kopf. Jeder der 4,2 Millionen Einwohner redet vom «Wunder von Russland», vom WM-Final gegen das grosse Frankreich. Schachbrettmuster überall. Auf Fahnen und T-Shirts. Man träumt vom Titel, vom Pokal. Ihre Fussballer sind längst Helden. Unter ihnen Ivan Rakitic. Taktgeber im Mittelfeld, cooler Penaltyschütze. Rakitic. 30-jährig. Seit vier Jahren beim grossen FC Barcelona. Schweiz-kroatischer Doppelbürger. Geboren und aufgewachsen in Möhlin im Aargau.

Möglich, dass Möhlin heute zum Weltmeister-Dorf wird. Was haben die Möhlemer geplant? Unter «Aktuelles» auf der Homepage der Gemeinde stehen Baugesuchspublikationen, eine Bilderausstellung. Auch unter Veranstaltungen kein WM-Final. Für diejenigen, die es interessiert: Am 3. August sind nationale Dressurtage. Am 11. August trifft sich die Krabbelgruppe.

Autokorso durch Möhlin

SonntagsBlick wollte wissen, wie die rund 11'000 Einwohner dem WM-Final entgegenfiebern. Spielen Kinder mit Rakitic- und Modric-Shirts auf dem Sportplatz Steinli? Da, wo früher Klein Rakitic gekickt hat. Wird Möhlin zur kroatischen Exklave voller Kroatien-Fahnen? Zu Möhlic? Servieren die Restaurants als «Menü 1» Ćevapčići (Fleischröllchen aus gewürztem Hackfleisch)?

Es beginnt unaufgeregt. Auf der Ortstafel steht Möhlin AG. Schwarz auf weiss. Schlicht wie immer. Kein Möhlic. Kein Schachbrettmuster. An den Häusern wehen vereinzelt Flaggen an Balkonen. Meist sind es Schweizer Fahnen. Ein paar portugiesische. Eine Handvoll kroatische.
Schulhaus und Pausenplatz, wo früher auch Klein Ivan zur Schule ging, sind leer. Seit Montag sind Sommerferien.

Auch auf dem Steinli nebenan ist nichts los. Die Fussballplätze sind gesperrt. Marc (35) wässert den Rasen, sonst keine Menschenseele. Er sei zwar kein Fussballfan, sagt der Platzwart, den WM-Final verfolge er dennoch. «Ich bin für Kroatien. Das wäre eine schöne Sache für Ivan und für die Kroaten.»

Dass die Kroaten gegen England gewonnen hätten, sei in Möhlin nicht zu überhören gewesen, erzählt er. Sogar ein Autokorso fuhr hupend durchs Dorf. Die Feiernden sind fast allesamt Mitglieder von NK Pajde, dem kroatisch-schweizerischen Fussballklub des Dorfes. Ivans Papi Luka ist Präsident. Ivans Bruder Dejan Trainer der 1. Mannschaft. Auch am Sonntag wird im Klubhäuschen des Vereins wieder die Hölle los ein.

An diesem Freitagmittag ist keiner da. Eine Schweiz- und eine Kroatien-Fahne zieren den Eingang – daneben ein Foto von Ivan Rakitic.

Ein Mann mit einem Buben auf den Schultern geht vorbei. «Ich bin für Frankreich», sagt er. Dass ein kroatischer Finalteilnehmer aus Möhlin kommt, ist ihm neu. «Ich bin erst vor einem Jahr herge­zogen», entschuldigt sich der Papi.