Auf den ersten Blick scheint Justin Murisier einen besonders guten Draht nach ganz oben zu haben – der erfolgreichste Schweizer Riesenslalomfahrer der beiden letzten Saisons wohnt im Unterwalliser Dorf Bruson, in einem umgebauten Kuhstall direkt neben der ­Kirche. Der 26-Jährige fühlt sich derzeit aber nicht wirklich himmlisch. Beim Blick auf das rechte Knie kommt eher der ­Verdacht auf, dass in seiner Ski-Karriere der Teufel Regie führt.

So wie in der letzten August­woche, als sich der gelernte ­Forstwart in Neuseeland mit US-Superstar Ted Ligety im Training messen wollte. «Der erste Teil des Ski-Camps in Neuseeland ist erfreulich verlaufen, ich kam immer besser in Schwung. Doch dann ­hatte ich in einer Kurve zu viel ­Gewicht auf dem Innenski. Der Ski hat sich regelrecht in den Schnee hineingefressen, und ich habe während dem Abflug einen lauten Knacks in meinem Knie gehört.»

Dieser Knacks entpuppt sich ein paar Tage später bei der ärztlichen Untersuchung in der Schweiz als Kreuzbandriss. Weil dieses Band in Murisiers rechtem Knie bereits 2011 und 2012 kaputtgegangen ist, hatte sein Vertrauensarzt ­Oliver Siegrist vor dem jüngsten Eingriff ein besonderes Problem. «Meinem Körper gehen langsam aber sicher die Ersatzteile aus», ­erzählt Murisier.

Der Motor unseres Riesenslalom-Teams geht einmal mehr an Krücken.  (SVEN THOMANN)

«Mein erstes Kreuzband wurde mit einem Stück von meiner Beuger-Sehne ­repariert. Für die zweite Kreuzband-OP hat der Arzt ein Stück von der Patellasehne genommen. Weil mein rechtes Knie nun keine Ersatzteile mehr beinhaltet, ­musste der Arzt vor meiner dritten Kreuzband-Operation einen Teil der Patellasehne im gesunden ­linken Knie herausholen.»

Murisiers Knieprobleme basieren offenbar auf einem genetischen Defekt. «Fakt ist, dass meine Schwester das Kreuzband zweimal gerissen hat und mein Bruder und meine Mutter je einmal. Nun haben die Ärzte herausgefunden, dass die Bänder in den Murisier-Knien weniger Platz haben als beim Durchschnitt der Menschheit.»

Für den grossen Kämpfer aus dem Val de Bagnes ist das aber kein Grund, um über einen Rücktritt vom Rennsport nachzudenken: «Dass die Bänder trotz diesem ­genetischen Problem den Belastungen im Spitzensport standhalten können, zeigt mir mein linkes Knie. In diesem ist in 26 Jahren noch nie etwas kaputtgegangen.»

Cuches Geschichte macht Murisier Mut

Und noch etwas: «Skifahren ist und bleibt meine grosse Leidenschaft. Ich brauche das Adrenalin, welches durch den Körper schiesst, wenn ich am Start stehe. Und dass ich trotz den vielen gesundheitlichen Rückschlägen eine gute Rolle ­spielen kann, zeigt ja der achte Rang, den ich in der aktuellen ­Riesenslalom-Weltrangliste einnehme. Aber ich will noch mehr: Eines Tages möchte ich Weltcuprennen gewinnen können.»

Nach der dritten schweren Knieverletzung will sich Justin Murisier auch von einem Psychologen behandeln lassen.  (SVEN THOMANN)

Weil seine Seele nach dem ­dritten Kreuzbandriss genauso ­leidet wie sein Körper, will ­Murisier den harten Weg zurück an die Spitze mit einem Psychologen ­gehen: «Bis vor kurzem war ich der Meinung, dass ich ohne eine solche Person erfolgreich sein kann. Doch nach dem dritten Kreuzbandriss in meinem Leben habe ich das ­Gefühl, dass ich einen Psychologen brauchen werde, damit ich in Zukunft wieder das volle Vertrauen in mich und meine Gesundheit haben ­werde, um auf den Ski voll ans ­Limit zu gehen.»

Mut macht Murisier übrigens auch die Geschichte von Didier ­Cuche. Der Neuenburger, dessen Firma heute für Murisiers Management zuständig ist, avancierte erst nach seinem Kreuzbandriss im 31. Lebensjahr zum Seriensieger.