«Ich hielt die wohl schlechteste Siegesrede, die es je gab», sagte Naomi Osaka letzten Frühling lachend. Das war nach ihrem Sieg in Indian Wells, dem fünftgrössten Tennis-Anlass der Welt, wo die 20-Jährige ihren ersten Titel auf der Tour gewann.

Die 1,80m-grosse, kräftig gebaute Japanerin ist offenbar gemacht für die wichtigsten Momente. Beim zweiten Turniersieg steigt sie gleich in der obersten Liga ein, gewinnt die US Open mit einem denkwürdigen Finalsieg über die 23-fache Grand-Slam-Siegerin Serena Williams.

Und wieder verläuft Osakas Siegesrede nicht wunschgemäss. Diesmal fliessen dabei allerdings Tränen über ihre Wangen. Unter Buhrufen flüstert sie den aufgebrachten US-Fans eine Entschuldigung ins Mikrofon – dafür, dass sie ihnen das grosse Serena-Fest vermiest habe. Dabei hatte Williams selbst für den Eklat gesorgt.

Osaka versucht, bei der Siegerehrung ihre Tränen zu verstecken.  (AFP)

Es bricht einem fast das Herz. Im grössten Moment der noch jungen Karriere hätte diese fröhliche, humorvolle junge Frau ihr ansteckendes Lachen um die Welt schicken sollen. Bis hin ins Land der aufgehenden Sonne, dem sie den ersten Major-Titel der Geschichte verschafft hat.

«Danke, dass Du ganz Japan Deine Energie und Inspiration geschenkt hast», schreibt Premierminister Shinzo Abe auf Twitter. Endlich hat das von Naturkatastrophen gebeutelte Land dank Osaka wieder etwas Grund zur Freude. Am kommenden WTA-Turnier in Tokio wird das neue Aushängeschild der Olympischen Spiele 2020 in Tokio der frenetisch gefeierte Star sein.

Fortan spielt es keine Rolle mehr, dass Osaka – obwohl sie den Namen der drittgrössten Stadt Japans trägt – bislang nur als «Hafu», ein abschätziges Wort für Halbjapanerin, wahrgenommen wurde. Dass ihre Mutter Tamaki einen dunkelhäutigen Haitianer heiratete, von ihrer Familie lange Zeit verstossen wurde, nachdem sie in die USA auswanderte.

Naomi war damals zwei Jahre alt, wuchs in Boca Raton, Florida, auf, kennt ihre alte Heimat nur von Ferienreisen und spricht deren Sprache nicht perfekt. Inspiriert durch die Williams-Schwestern hatte sich Vater Leonard Francois eine tolle Tennis-Karriere für beide Töchter vorgestellt. Naomi ist ab Montag die Nummer 7 der Welt – ihre zwei Jahre ältere Schwester Mari, der sie stets nacheiferte, hat es bislang nur auf Rang 367 geschafft.

Vieles erinnert an Serena, aber...

Mit ihrem Wuschelkopf sowie mit ihrem kräftigen, konsequenten Spielstil erinnert Osaka tatsächlich an ihr grosses Idol Serena. Charakterlich aber ist sie schüchterner. «Unverstellt, unschuldig», nennt es ihr Münchner Coach Sascha Bajin, der lange Zeit Teil des Williams-Team war. Ihren Coup in New York wollte Naomi auch nicht gross feiern. Lieber wolle sie schlafen und ein paar Videogames spielen – übrigens eine Leidenschaft, die sie mit ihrem japanischen Kollegen Kei Nishikori teilt. Sie sei nicht so sozial veranlagt, Alkohol habe sie auch noch nie getrunken. «Ich bin doch erst 20!»

Stimmt, Osaka ist erst 20. Ihr gehört die Tennis-Zukunft!